Grenzstreitigkeiten

Grenzstreitigkeiten zwischen Lentföhrden und Weddelbrook
                                                                                                                                                                                                                aus der „Chronik von Weddelbrook“ von Jürgen Schüchler

Bevor es zu einer endgültigen Grenzziehung 1776 kam, hatte es über mehr als fünfzig Jahre Streitigkeiten gegeben. Zu einer tätlichen Auseinandersetzung zwischen den Lentföhrdenern  und den Weddelbrookern kam es am 6. März 1760. Die Lentföhrdener beschwerten sich daraufhin beim Amtmann des Amtes Segeberg, Herrn von Arnold. Dieser wohnte in Bramstedt. Er fordert den Gutsherrn Holst auf, sich zu den Vorwürfen gegen seine Weddelbrooker Untertanen zu äußern. Der Gutsherr Holst erhielt von seinen Bauern aus Weddelbrook eine sehr ausführliche und lebendig verfasste Gegendarstellung zur Lentföhrdener Anklage. Hans Böye und Hans Krohn schrieben für sich und alle Weddelbrooker am 20. März 1760, hier eine Zusammenfassung:

GrenzsteinDort, wo die Grenzen von Mönkloh, Lentföhrden und Weddelbrook zusammenstießen, lag früher ein länglicher Scheidestein. Er trug auf der Weddelbrooker und Mönkloher Seite zwei Kreuze ++ und auf der Lentföhrdener Seite ein Kreuz +. 1724 entfernten die Lentföhrdener heimlich diesen Grenzstein. Sie gruben mehrere Löcher, damit niemand wusste, wo der Stein gelegen hatte. Mit Hilfe der Regierungskanzlei in Glückstadt gelang es, den Stein wieder an seine alte Stelle zurückzubringen.

1737 versetzten die Lentföhrdener den Scheidestein erneut. Sie versuchten, die ganze Heide bis an das Weddelbrooker Ackerland in Besitz zu nehmen. Die Weddelbrooker verhinderten dieses Vorhaben durch Gegenmaßnahmen.

1742 und in den folgenden Jahren kam es immer wieder zu Übergriffen der Lentföhrdener. Sie mähten die Heide am Lohnkamp und wurden stets wieder verjagt. Dabei pfändeten die Weddelbrooker den Lentföhrdenern Heidesensen und andere Geräte. Als die Lentföhrdener einmal in großer Anzahl erschienen, benachrichtigten die Weddelbrooker ihre Gutsherrschaft. Mit allen Guts-Untertanen kehrten sie zurück, nahmen zehn Fuder abgemähte Heide in Besitz und brachten diese zum Bramstedter Hof. Die beschlagnahmten Pferde und Gerätschaften wurden nach solchen Übergriffen manchmal gegen Geld wieder eingelöst, meistens aber wurden sie später vom Weddelbrooker Bauernvogt versteigert.

1760 kam es dann zur großen Auseinandersetzung. Es begann damit, dass zwei Kampener Bauern am Lohnkamp Heide mähten. Sie behaupteten, von Lentföhrdenern dazu die Erlaubnis bekommen zu haben. Gegen eine Summe von 5 Schilling durften sie die Heide mitnehmen, mußten aber geloben, nicht wiederzukommen.

Am 3. März 1760 stellte Hartwig Fehrs aus Weddelbrook Lentföhrdener und Kamper Bauern beim Heidemähen am Lohnkamp zur Rede. Sie beschimpften ihn und ließen sich in ihrer Arbeit nicht stören. Das wiederholte sich am nächsten Tag. Die Lentföhrdener mähten nun auch noch am Ramshorn. Da sie in so großer Anzahl erschienen waren, wandten sich die Weddelbrooker an ihren Gutsherrn und baten um Hilfe. Er wollte aber erst die Grenzdokumente im Archiv prüfen. Am folgenden Tag baten die Weddelbrooker den Gutsherrn erneut. Sie erhielten daraufhin die Zusage, dass die Hitzhusener sie unterstützen sollten. Der Gutsherr verlangte aber„,… dass sie keinem Menschen an seinem Leibe Schaden zufügeten.“

Als am 6. März 1760 erneut Lentföhrdener Bauern am Lohnkamp Heide mähten, versammelten sich Weddelbrooker und Hitzhusener im Krug. Vier Weddelbrooker rit­ten zu Pferd in die Heide voraus und verhandelten mit den Lentföhrdenern. Diese ließen aber nicht ab von ihrem Treiben. Als nun die anderen Weddelbrooker und Hitzhusener herangekommen waren, nahmen sie den Lentföhrdenern 9 Sensen, 8 Harken und 5 Heugabeln ab. Die Weddelbrooker schickten ihre Frauen mit den gepfändeten Geräten nach Hause und warteten darauf, dass diese mit Wagen zurückkehrten, um die gemähte Heide abzutransportieren. Plötzlich sahen sie von weitem, wie ein Korporal und 7 oder 8 Reiter von Lentföhrden her in vollem Galopp auf sie zukamen. Einige vermuteten sofort, dass die Soldaten die Lentföhrdener unterstützen wollten und suchten das Weite. Die anderen konnten sich nicht vorstellen, dass sich die Reiter in eine Auseinandersetzung von Bauern einmischen würden. Die Reiter galoppierten freundlich grüßend an den Bauern vorbei, aber ehe sich diese versahen, kommandierte der Korporal: „Rechts schwenkt euch!“ und kurz darauf: „Den Pallasch (schwerer Degen) aus!“ Dann bildeten die Soldaten eine Linie und ritten auf die Bauern zu. Von der anderen Seite kamen jetzt die Lentföhrdener, mit Heuforken, Wagenrungen und großen Stöcken bewaffnet. Es kam zu einer wilden Prügelei, „außer dass die Hitzhusener, welche ohnehin bekanntlich unsere besten Freunde nicht sind, sich von ferne hielten und bei diesem Spectacul bloße Zuschauer abgaben“. So blieben nur etwa 10 Weddelbrooker Bauern nach, die versuchten, sich der Übermacht zu erwehren. Aber selbst, wenn es ihnen gelang, einen Lentföhrdener unter sich zu bekommen, griffen die Reiter ein. Sie hieben mit ihren Degen dazwischen, „bis dem untenliegenden Lentföhrder völlig Luft verschafft war“. Hans Boye wurde es zuviel. Er schrie den Korporal an, „was er und seine Reiter mit dieser Sache zu tun hätten? wer sie dahin commandirt, und ob der König ihnen dazu den Pallasch gegeben hätte, dass sie denen gemeinschaftlichen Unterthanen damit die Köpfe aufspalten solten? Worauf der Corporal ihm lächelnd die seltsame Antwort ertheilet: Broder dat is jo man Körzwiel!“ Hans Boye riß der Geduldsfaden. Er hielt seine Heugabel dem nächsten Pferd vor die Brust und drohte, das Tier zu erstechen, wenn die Reiter nicht sofort mit dem Kampf aufhörten.

Der Streit endete. Die Soldaten ritten zurück, gefolgt von den Lentföhrdenern. Befriedigt, den Kampfplatz behauptet zu haben, kehrten die Weddelbrooker zum Dorfe zurück, „wiewohl theils mit blutigen Köpfen, theils aber mit sehr mürben Ribben.“

Bei einer anschließenden Beratung war es ihnen zunächst ein Rätsel, wie es möglich gewesen wäre, dass Soldaten sich in diesen Streit eingemischt hätten. Doch sie erfuhren bald, dass die Lentföhrdener schon einige Tage zuvor geäußert hätten, mit Hilfe von Soldaten würden sie sich zu behaupten wissen. Gerüchten zufolge sollten die Reiter schon einige Tage beim Lentföhrdener Bauernvogt Jasper Siems untergebracht gewesen sein. Als Lohn hätten sie eine Tonne Bier erhalten.

Die Weddelbrooker hielten es für den Gipfel der Unverschämtheit, dass die Lentföhrdener nach diesem Zwischenfall bei ihrer Obrigkeit „so gar Satisfaction (Genugtuung) und Bestrafung gegen uns erflehen mögen“. In ihrem Bericht an den Gutsherrn widerlegten sie alle Anklagepunkte der Lentföhrdener. Deren Klage fand auch bei der königlichen Regierung keinen Anklang. Diese wies darauf hin, dass nach den Grenzstreitigkeiten von 1737 und den damaligen Zeugenaussagen das betreffende Gebiet zu Weddelbrook gehören dürfte. Der Amtmann wurde aufgefordert, mit dem Besitzer des Bramstedter Gutes die Grenzsache gütlich zu regeln, „besonders in Ansehung der den Lentförder von einigen von der Militz strafbarerweise dabei geleisteten Beyhülfe…“

Die Weddelbrooker erhielten damit recht. Es dauerte noch weitere zwei Jahre bis der Grenzvergleich von der königlichen Regierung genehmigt wurde.

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