Erinnerungen an Lentföhrden in der Zeit 1945-1953

Erinnerungen an Lentföhrden in der Zeit 1945-1953 Eckhard Schmidt
Meine eigenen Erinnerungen müssen hauptsächlich aus der Zeit von 1947 bis 1953 stammen, da ich für frühere, eigene Erinnerungen zu klein gewesen bin.

  1. Biographisches

Ich bin als einjähriges Kind im April 1945 als Flüchtling aus Ostpreußen nach Lentföhrden gekommen. Am 10. Februar 1945 flüchteten wir aus Tiefensee, Kreis Heiligenbeil in Ostpreußen mit einem Pferdewagen:
Alle Frauen und Kinder erreichten Lentföhrden Mitte April 1945. Nach wenigen Nächten in der Schule mit vielen anderen Flüchtlingen erhielten die Familien Unterkünfte bei den Einheimischen zugewiesen. Die ganze Familie Wölk erhielt zuerst bei Bauer Schröder gegenüber der Meierei 2 Zimmer im Obergeschoß.
Bald konnte Frau Mittner mit ihren Kindern umziehen zu Wulf (im Grund), dem zu Schröder benachbarten Hof. 1946 zog der Rest der Familie in eine Wohnung im Obergeschoß eines Hauses, dass gegenüber Jasper Schümann lag und auch diesem gehörte.
Das beengte Zusammenleben mit den Einheimischen war in den ersten Monaten durch vielseitige Hilfe geprägt, da auch die meisten hiesigen Männer noch in Gefangenschaft waren. Zuerst war unter den Frauen eine große Solidarität. Das Zusammenleben wurde später schwieriger.

  1. Infrastruktur in Lentföhrden der Nachkriegszeit

Das Dorf war geprägt durch Bauern und Handwerker und von wenigen Betrieben der Nahrungsmittelindustrie. Es waren vorhanden:

  • Stellmacher
  • Zimmermann
  • Tischler
  • Schmied
  • Meierei
  • Mühle
  • 2 Gastwirtschaften (Schümann, Bahnhofsgaststätte)
  • Bäckerei und Laden Hars
  • Kolonialwarenladen Kröger
  • Schlachter
  • Milch-/Käseladen bei der Mühle

An weiteren Infrastruktureinrichtungen gab es:

  • Arzt (Dr. Wellach, später Dr. Christiansen aus Bad Bramstedt, der in Lentföhrden auch Sprechstunden abhielt)
  • Volksschute auf dem Tiebarg
  • Bürgermeister (Hinnerk Schröder von der FDP) / Gemeindeverwaltung
  • Post
  • Sportplatz

Und dann das Moor, das zeitweilig kommerziell abgebaut wurde mit Baggern, kleinen Zügen etc.

Es fehlten folgende Einrichtungen:

  • Wasserversorgung (das Wasser wurde aus Hausbrunnen über Pumpen geholt)
  • Kanalisation
  • Teerbelag auf den Straßen
  • Straßenbeleuchtung
  • Einen Fußweg gab es nur an der Dorfstraße
  • Kirche
  • Apotheke
  1. Ernährung und Unterhalt der Familie

Die Grundlage der Ernährung war der Anbau von eigenem Gemüse und Kartoffeln sowie die Haltung von Hühnern und Schweinen.
In der ersten Zeit war es schwierig genügend Essen zu bekommen. Wir Kinder gingen oft rüber zur Meierei und baten um einen Becher Milch. Ich sehe noch heute Herrn Holz vor mir, der nie nein sagte. Er war Kriegsinvalide (aus dem 1. Weltkrieg), ich glaube er hatte entweder nur einen Arm oder 1 Bein.
Wir erhielten 1946 ein Stück Gartenland beim Haus und ca. 1000 qm Ackerland beim Sportplatz zugewiesen. Außerdem konnten wir den Stall neben dem Haus nutzen. Wir bauten einen Hühnerstall für 10-20 Hühner und fütterten 2 Schweine, wovon eines selbst geschlachtet und eines verkauft wurde. Da die Familie selbst Bauern gewesen waren, konnten wir uns recht bald selbst versorgen. Es wurde sehr wenig dazugekauft.
Zum anderen trug jeder nach seinen Fähigkeiten dazu bei, zusätzliches Geld zu verdienen. Die beiden unverheirateten, jungen Frauen Ruth und Ulla arbeiteten im Kurhaus in Bad Bramstedt, das damals ein Krankenhaus war und fuhren mit dem Fahrrad oder der AKN dorthin. Meine Mutter konnte schneidern und hat vielen Frauen in Lentföhrden Kleider genäht. Außerdem erhielt sie Kriegerwitwenrente, da mein Vater in Russland vermisst war.
Geheizt und gekocht wurde mit Torf, dass im Moor gestochen wurde. Wasser gab es aus der Pumpe im Hof. Im Winter musste man aufpassen, dass sie nicht einfror.

  1. Schule

Ich bin Ostern 1950 eingeschult worden. Die Schule bestand aus 2 Klassenräumen. In jedem Raum wurden 4 Jahrgänge unterrichtet. Daher gab es auch nur 2 Lehrer, Voß für die Großen und Hammerich für die Kleinen. Ich füge ein Bild bei, dass die Kleinen (Jahrgänge 1-4) zeigt auf einer Rast bei einem Ausflug zur Hohenstegener Brücke.
Im 1. Jahr gab es in der großen Pause noch „Schwedenspeise“, meistens eine Suppe, die vom schwedischen Roten Kreuz gespendet war. Jeder kriegte sein Kochgeschirr voll Suppe.
Manchmal habe ich davon noch die Hälfte mit nach Hause gebracht (wenn sie mir nicht schmeckte oder angebrannt war).
Es gab keine Turnhalle, aber es stand ein Barren auf dem Schulhof.
Geheizt wurde mit Torf. Ein Schüler hatte in jedem Winter das Amt des Heizers zu übernehmen. Die Umgangssprache in den Schulpausen war meistens Plattdeutsch, dass ich auch heute noch sprechen kann.

  1. Dorffeste

Immer im Mai oder Frühsommer war Ringreiten. An einem Tag war Ringreiten am nächsten Tag nachmittags Kindertanz und abends Ball. Der fand im Saal der Bahnhofsgaststätte statt. Ein weiteres Fest auch für Kinder war das Vogelschießen auf dem Schulhof. Ich erinnere mich, dass es für die Kinder Sackhüpfen und Eierlaufen gab. Wer es schaffte, die Kletterstange hinaufzuklettem, konnte sich eine Süßigkeit abreißen. Die großen Kinder hatten ihre Fahrräder immer schön mit Krepppapier geschmückt.

  1. Besonderes

Ich habe oft bei Jasper Schümann auf dem Hof mitgeholfen:

  • Pferde anspannen
  • Pferde abends tränken und zur Koppel reiten
  • Erntewagen (Heu, Getreide) vom Feld zum Hof fahren und wieder zurück, alles ohne Trecker, nur Pferdegespanne

Die ungedroschenen Korngarben wurden bei dem Hof bis zum Dreschen gestapelt. Dann kam der Dreschkasten, der über einen Riementrieb mit dem Schwungrad des Lanz Bulldock verbunden wurde. Gedroschen wurde meistens 2-3 Tage.
Zum Dämpfen der Kartoffeln kam der Kartoffeldämpfer. In einem großen Kessel wurden die Kartoffeln gedämpft und anschließend in Mieten gelagert. Die gedämpften Kartoffeln dienten als Schweinefutter im Winter.
Im Winter oder zeitigen Frühjahr kam der Buschhacker, der das Buschwerk aus den Knicks klein hackte. Das diente zur Feuerung in der Küche.
Ein anderer Großkampftag war das Sirupkochen. Ganze Wachkessel voller Rübenschnitzel wurden zu Zuckersirup eingedickt. Wichtig war, dass immer gerührt wurde, denn das brannte sehr schnell an.
In Erinnerung habe ich behalten, als wohl Anfang der 50-er Jahre die Reetdachhäuser der Bauern Rathjen und Mißfeldt abbrannten. Gespenstisch und schauerlich war das stundenlange, lodernde Feuer. Beide Gebäude sind wohl bis auf die Grundmauern abgebrannt.
Diese Zeit endete, als wir 1952 oder 1953 nach Nordrhein-Westphalen umsiedelten, um dann aber bereits 1954 wieder nach Neumünster zu ziehen.

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