Die Geschichte der Bahnhofswirtschaft

100 Jahre Bräu und Brunnen

Am 20.08.1898 stampfte der erste Zug durch unser Dorf.

Theodor Hinrich Krewitt errichtete im gleichen Jahr bahnhofsnah eine Gast­stätte. Ein stattliches Gebäude: Im Ausspann konnten Reisende der Fahrpost auch bei Schietwetter trockenen Fußes ein- und aussteigen, die Pferde gewechselt und Güter umgeschlagen werden. Räume für Bedienstete der Bahn und eine Agentur der Kaiserlichen Post waren an der Rückseite des Ge­bäudes von vornherein eingeplant. Bei den Bauarbeiten ereignete sich im März 1898 ein Unfall: Ein Zimmerlehrling aus Kaltenkirchen stürzte vom Dach sieben Meter in die Tiefe und zog sich erhebliche Verletzungen zu.

Vielleicht wurde das ganze Projekt für Krewitt eine Nummer zu groß, er verkaufte schon nach 3 Jahren.

Für 31.000 Goldmark erwarb Johann Heinrich Vogt am 01.11.1901 Gast­wirtschaft und Postagentur. Vogt (1866 – 1952) kam aus Geschendorf und war gelernter Meierist. Beim Tod seiner Mutter erbte er 2.000 Mark. Das war sein Startkapital, um das Bahnhofslokal kaufen zu können. Nun wurde auch geheiratet, und zwar die Cousine Friederike (Rieke) Ernestine Blunk (1867 – 1946). Sie stammte aus Neuengörs, ihre Eltern betrieben dort einen Gasthof.

Vogts betrieben auch die Güterabfertigung und den Fahrkartenverkauf.

Ein Güterumschlag ganz anderer Art fand im August 1911 statt: Einbrecher schlugen das Fenster des Pferdestalles ein und klauten ein fast neues Fahrrad vom Saal.

Kurz vor Kriegsausbruch fand eine Fahnenweihe des Kriegervereins statt. Da muss es wohl hoch hergegangen sein, das Lokal war zu klein, es musste noch ein Zelt aufgebaut werden. Alle greifbaren Familienmitglieder mussten mit an­packen. Der Kriegerverein traf sich abwechselnd hier und bei Max Jipp, später Böttcher (Kieler Straße). Am 6. Mai wurde Kaisers Geburtstag gefeiert.

Vogt war Mitglied im Kriegerverein und Kriegsteilnehmer.

Vogts blickten auch in die Zukunft: Der Saal wurde angebaut und am Horizont erschien langsam aber sicher das Automobil. Nahe der Chaussee wurde ein Schild aufgestellt: Automobil-Station. Als Rieke erkrankte, verkaufte Heinrich Vogt kurzentschlossen und zog in das nahe Haus zu Hinrich Wessel (Am Bahnhof 4). Schlecht und recht schlug er sich als Wiesenvogt und Arbeiter durch. Beim Grabenreinigen konnte er immerhin seinem Hobby, dem Fischen, nachgehen. Öfters brachte er Aale nach Hause. Für Grabenarbeiten erhielt er vom Bauern Hans Ratjen am 23.12.1930 zehn Mark.

Diese Tätigkeit betrieb er bis zum August 1938.

1928 konnte mit finanzieller Hilfe seines Bruders Hermann aus Amerika ein Grundstück nahe des Bahnhofes erworben und bebaut werden (Am Bahnhof 5). Ein Teil des Geländes wurde später an Friedrich Börsch abgetreten. Das brüderliche Darlehen wurde korrekt zurückbezahlt.

Tochter Irma Vogt (1902-1977) betrieb jetzt hier den Fahrkartenverkauf bis 1952. Ihr folgten Erwin Timmermann, ein Bruder des Lehrers, und ein Herr Rickert nach.

Heinrich Vogt übernahm die sparkasseneigene Waage und richtete einen kleinen alkoholfreien Ausschank ein. Hier konnten Bauern und Viehhändler ihre Abrechnungen machen. Dieses Gewerbe wurde bis etwa 1948 betrieben. Tochter Elisabeth (genannt Lisbeth) Vogt heiratete 1938 den aus Pommern stammenden Paul von Mrozik-Gliszczynski (1903-1983). Er war bei der Hamburger Polizei angestellt. Tochter Else wurde am 1939 geboren, die Familie 1944 in Hamburg-Wilhelmsburg ausgebombt. Paul war Soldat, Elisabeth zog hierher zu ihren Eltern. Paul von Mrozik wurde 1949 aus französischer Kriegsgefangenschaft entlassen und ging zur AKN. Lisbeth übernahm die Waage von ihrem Vater und betrieb sie rund 30 Jahre lang. Wenn Kundschaft kam, dann hieß es nur kurz und knapp: Lisbeth, wägen! Irma Vogt ging 1952 in Rente, der Fahrkartenverkauf erfolgte fortan bei Burmeisters.

Max Heinrich Jipp übernahm am 01.01.1919 Gaststätte und Postagentur. Er betrieb vorher eine Gastwirtschaft mit Landwirtschaft an der Kieler Straße 72. Das wurde wohl zu viel, (er war nicht ganz gesund) auf dem Bahnhof konnte er die Bauerei hinter sich lassen. Er verstarb schon 1920 mit 45 Jahren, Witwe Bertha Jipp führte den Betrieb weiter (die Ehe blieb kinderlos).

Am Sonntag, 13.07.1919, fand das Stiftungsfest des Vereins Heideblume statt. Im gleichen Jahr wurde eine Wählerversammlung zur Bedeutung der National­wahl abgehalten. Auch der Reiterverein Hol di faß (gegründet 1920, Max Jipp und Ernst Böttcher waren im Vorstand) veranstaltete hier Bälle zum Ringreiten oder spielte Theater. Am 1. Mai 1922 fand ein großes Gewerkschaftsfest statt. Man versammelte sich um 14 Uhr vor dem Lokal zum Umzug, es folgte eine Festrede und anschließend Volksbelustigung für Erwachsene und Kinder. 1924 wurde der hiesige Turn- und Spielverein gegründet. Vereinslokal war natürlich die Bahnhofsgaststätte. An jedem 1. Sonnabend des Monats fanden hier Mitgliederversammlungen statt. Geturnt wurde im Saal. An Geräten standen Barren und Reck zur Verfügung.

Lange Jahre traf sich hier der plattdeutsche Verein „Holt Tosammen“. Der Verein besaß, ebenso wie der Kriegerverein, eine in Handarbeit her­gestellte Fahne. Beide verschwanden während der Besatzungszeit. Im Jahr 1924 hielt die Deutschnationale Partei eine Veranstaltung ab.

Im Juli 1924 wurde Caroline Schuldt (1879 – 1943) Eigentümerin. Die Familie betrieb das größte Hotel in Neustadt/Ostsee, direkt am Marktplatz. Ihr Mann fiel im 1. Weltkrieg, sie verkaufte den Betrieb und betrieb am Einfelder See das Strandhotel. Vielleicht wurde ihr das zuviel, jedenfalls übernahm sie jetzt die hiesige Bahnhofsgaststätte. Wie letztendlich die Verbindung zu Lentföhrden zustande kam, konnte nicht geklärt werden. Ihre Tochter Erna Schuldt (1905 – 1978)) war mit dem Eisenbahnsekretär Johann Burmeister (1900 – 1979) aus Ellerau verheiratet.

Ab dem 01.06.1933 pachteten Heinrich Stegemann und seine Frau Elise (geb. Rohse aus Wiemersdorf) den Betrieb. Hein Fleut, so sein Spitzname, bekam einen Job in Bad Segeberg beim Reichsluftschutzbund angeboten, die Pacht endete am 31.05.1938. Er führte das Lokal so erfolgreich, dass auch die Wiemersdorfer hierher zum Tanzen kamen, wenn Postbote Otto Kracht auf der Geige spielte. Über Stegemann gibt es noch eine kleine Anekdote: Er kam in den Kolonial­warenladen von Willi Hars, wo es so ziemlich alles zu kaufen gab, und ver­langte Wolle. Extra för mien Dora sollte sie heißen. Gemeint war Estremadura-Wolle.

Danach fiel der Betrieb wieder zurück an Caroline Schuldt. Im November 1928 entstand auch hier im Ort eine Gruppe des Jung-Stahlhelms. 1929 gab es 43 Mitglieder, ihr Führer war Landmann Hinrich Pohlmann. Die Gruppe veranstaltete Filmvorführungen, Geländeübungen und führte Theater auf. Man spielte u. a. Blond muss mein Mädel sein. Eine weitere Aufführung am 30.03.1931 hieß: Im Sold der Volksfeinde. Ein weiteres Stück handelte vom Ruhrkampf. Auch hier war der Bahnhofssaal genutzt, eine andere Räumlichkeit für solche Veranstaltungen gab es nicht. 1932 hielt die NSDAP-Ortsgruppe Bad Bramstedt im dortigen Sängerheim ihre Jahreshauptversammlung ab. Die Mitgliederzahl hatten sich im letzten Jahr verfünffacht. 50 Parteigenossen wurden an die neugegründeten Ortsgruppen Wiemersdorf, Hitzhusen und Lentföhrden überwiesen, 6 weitere an andere Ortsgruppen. Die Wirtschaft wurde Parteilokal. 1936 hielt Parteigenosse Fischer aus Kiel auf dem Saal einen Vortrag über Luftschutz. Er führte aus, dass führende Militärs in anderen Ländern zu dem Schluss gekommen seien, dass ein Stellungskrieg wie im letzten Kriege viel zu teuer an Menschen und Materialkosten sei. Es gelte daher, dem Feind seine Ernährungsgrundlage zu nehmen. Daher sei der Luftschutz auch für den länd­lichen Raum von besonderer Bedeutung. Im Oktober 1937 führte die Gaufilmstelle den Film Vergißmeinnicht vor. Der Besuch war recht gut. Das Lokal (nicht der Saal) blieb auch während der Kriegszeit geöffnet und wurde von den Soldaten der Kriegsmarine in Heidkaten gut besucht. Caroline Schuldt verstarb 1943. Die Geschäfte wurden bereits vorher von Tochter Erna geführt.

Während des Krieges lagerte die Luftwaffe Nachschubmaterial auf dem Saal. Kurz vor Kriegsende war die Sprengung des Gebäudes beschlossene Sache, der Sprengstoff bereits angeliefert. Burmeister und Otto Kröger konnten das Dynamit unbemerkt im Garten vergraben und damit das Haus retten.

Am 25.01.1944 wurde Erna Burmeister vom Segeberger Landrat Waldemar von Mohl die Erlaubnis zum Betrieb einer Gastwirtschaft erteilt. Allerdings wurden folgende Auflagen gemacht: Der Anschlag der Haupteingangstür ist nach außen schlagend herzustellen. Der vermauerte Notausgang ist wieder ordnungsgemäß frei zu machen. Die Mängel sind bis ein Jahr nach dem Krieg abzustellen. Während der Kriegszeit befand sich hier auch das sogenannte Franzosen­lager. Hier waren 45 französische Kriegsgefangene untergebracht, die tagsüber bei den hiesigen Bauern arbeiteten. Die ersten 30 trafen am 17.08.1940 ein.

Zwischen dem 2. und 5. Mai 1945 erfolgte die Besetzung Schleswig-Holsteins durch britische Truppen. Mit Besatzungsbefehl vom 26.07.1945 wurde das Anwesen beschlagnahmt und mit britischen Soldaten belegt. Die drei Nissenhütten wurden von den Tommys als Abort, Wäscherei und Küche genutzt. Eine Freigabe erfolgte dann zum 25.01.1946. Nach dem Abzug dieses Truppenteiles zog eine deutsche Einheit (aus Marine-Kriegsgefangenen) unter einem britischen Oberleutnant ein und ließ es sich gut gehen. Die Truppe sollte den riesigen Fahrzeugpark auf dem Flugplatz Moorkaten bewachen (dort befanden sich zeitweise bis zu 23.000 Fahrzeuge). Einer dieser Marinesoldaten hieß Manfred Katzer. Aber einen entsprechenden Besatzungsbefehl konnte diese Truppe merk­würdigerweise nicht vorweisen. Burmeisters mussten in einem Anbau wohnen. Die Truppe veranstaltete wöchentlich zwei Tanzabende zum Eintrittspreis von 1,00 RM. Die Eigentümerin wurde weder entschädigt noch beteiligt. Nachdem auch diese Einheit im März 1946 abgezogen war, bot sich ein wahres Bild der Verwüstung. Johann Burmeister meldete dem Bürgermeister am 14.03.1948 folgende Schäden: Es fehlten 86 Stühle, 13 Tische, 1 großer Ofen, 580 Gläser, 30 Kaffeekannen, 20 Tabletts, 800 Besteckteile, 6 Sofas, 2 Sessel, 4 komplette Betten, 5 Spiegel, 4 Nachtschränke, 6 Waschgeschirre und noch einige weitere Posten. Bühnenwände, Kellerfußboden und eine Schanktheke waren vollständig zer­stört. Ferner wurde im Garten ein Feuerungsstall samt Heizmaterial abge­brochen und verbrannt, dafür eine Nissenhütte erstellt.  Alle Fenster­scheiben waren kaputt. Im Vordergarten sämtliche Sträucher und das Gebüsch entfernt. 7.500 m² Weide beim Wirtschaftsgebäude durch Anlegen von Stein­wegen und Errichtung zweier weiterer Nissenhütten teilweise zerstört. Er fragte, von welcher Stelle sie wohl entschädigt werden würden. Mit Schreiben vom 09.07.1946 teilt das Finanzamt mit, als Ersatz für die abgebrochene Kegelbahn und Feuerungsstall werde eine Nissenhütte über­eignet. Diese ging später an den Landwirt Hans-Werner Böge und diente noch lange Jahre als Viehunterstand.

Später waren auf dem Saal mehrere Flüchtlingsfamilien untergebracht. Im Lokal fanden die Dorfbälle statt, Preismaskeraden, Tanzkurse für die Jugend wurden abgehalten, öffentliche Eichtage, Sportlerbälle, Kinderfeste, Familienfeierlichkeiten und natürlich klangen hier auch Ringreiten, Erntedank­fest und das Vogelschießen aus (mit gespendetem Kuchen aus dem Ort). Hier feierte der Vaterländische Frauenverein und der Klub Harmonie. Es gab Filmvorführungen und der Gemeinderat tagte hier im Wechsel mit Schümanns Gasthof, die Feuerwehr feierte auch hier. Treffen der Ortsgruppe der NSDAP wurden hier ebenso abgehalten wie die Generalversammlungen der Spar- und Darlehnskasse. Für den Juli 1952 ist auf Einladung der Gemeindeverwaltung eine Flüchtlingsversammlung belegt. Man sollte sich zur bevorstehenden Neuwahl des Beauftragten für das Vertriebenenwesen äußern (Den Flüchtlingen war es seitens der Militärregierung bis 1948 verboten, sich zu organisieren). 1953 spielte das Polizei-Musikkorps aus Lübeck bei restlos ausverkauftem Saal. 1956 wurden 3 Fremdenzimmer im ehemaligen Ausspann eingebaut und 1958 die Baugenehmigung für ein zweigeschossiges Altenteilergebäude erteilt. Die ehemalige Wohnung wurde zu Fremdenzimmern umgebaut, die immer recht gut ausgelastet waren. Maler Ernst Stavinoga malte die Bühne im Saal so gut aus, dass sich noch heute viele Besucher daran erinnern. Burmeisters setzten sich jetzt zur Ruhe. Der Lokalbetrieb wurde an die Getränkegroßhandlung Heinrich Siems in Kaltenkirchen verpachtet. Siems verpachtete dann weiter an Paul Mori für die Jahre 1960-1963. Er kam aus dem gehobenen Hamburger Hotelgewerbe. Mit den Bauern eines Dorfes zurechtzukommen, das war eine völlig andere Welt. Lange kam er damit nicht klar. So ist überliefert, dass Bauer Ernst M. schon mal beim Ringreiten bis vor den Tresen ritt. Darauf folgten Werner Thiel (aus Schieren), Josef (Jupp) Hitzenberger und Amandus Scharpf, genannt Conny. Der Saal war zeitweise an Reinhard Reich, genannt Paul, unterverpachtet, der nicht nur die hiesige Dorfjugend in die Disco lockte. Reich starb jung durch Freitod. Disco gab es trotzdem weiterhin, jetzt legte Onno von Roeder die Scheiben auf….

Auszug aus dem Rohmateril der Dorfchronik Die Geschichte der Bahnhofswirtschaft von Uwe Looft

Dieser Beitrag wurde unter Kriegszeit, Nachkriegszeit, Personen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar