Ständig unter Strom: Paul Tiede

Eine Erfolgsgeschichte

Von Uwe Looft

Als echter Hamburger Jung wurde Paul Karl Wilhelm Tiede am 17.04.1904 hafennah in der Hopfenstraße auf St. Pauli geboren. Das Tor zur Welt bot viele Ausbildungs-möglichkeiten, Paul wollte Maschinenbauer werden.

Die Lehrzeit absolvierte er bei der Hamburger Werft Janssen & Schmilinsky, Tollerort (Der Betrieb wurde 1928 von den Howaldtswerken übernommen und 1931 stillgelegt). Einen Abschluss gab es allerdings nicht mehr. Infolge der Meuterei der Hochseeflotte 1918 entließen die Schiffbauer massiv Personal, auch Lehrlinge. Es gab nichts mehr zu tun, der Krieg stand kurz vor dem Ende, die Reichsmarine war handlungsunfähig.

Im Rahmen einer familieninternen „Tauschaktion“ kam Paul nach Nützen. 1923 konnte er die Gesellenprüfung zum Maschinenbauer ablegen. Von Technik verstand er was. Hier reparierte er für die Bauern und bastelte auch schon an Autos herum. Mit geliehenen 900 RM meldete er 1927 ein Gewerbe an.

Nebenbei brachte er den Nützern das Musizieren auf der Mandoline bei. Irgendwie kam er dann schon früh an ein Auto. Der vielseitige Paul machte auch Taxifahrten für die Krankenschwestern des Kaltenkirchener Vereins- Krankenhauses.

Dabei lernte er Minna Hering (*14.11.1905-19.11.1970) kennen. Sie war Mamsell (Leiterin) der Krankenhausküche.

Paul Tiede

Paul begann jetzt als Konzessionär (er hatte ja noch keinen Meisterbrief, also quasi als Subunternehmer) mit der Errichtung von Stromleitungen.

Am 20.03.1931 erfolgte ein Ortswechsel. Durch Vermittlung des Nützer Sparkassenrendanten August Brakel konnten Haus und Werkstatt von Tischlermeister August Otto Naujock, der 1928 in die USA auswanderte (Kieler Str. 68), gepachtet werden. 1938 weilte Naujock hier zu Besuch und verkaufte das Wohnhaus an Brakel, der es für den Schuhmacher Behrmann vorgesehen hatte, dieser wollte jedoch Nützen nicht verlassen. Dieses Haus befand sich vorher im Besitz von Malermeister Johannes Wrage, der es an Naujock verkaufte. Die aus Kellinghusen stammenden Jochim und Anna Wrage bewohnten die zweite Wohnung. 1954 kam das Haus an die benachbarte Familie Pohlmann.

Paul betrieb eine Autoreparaturwerkstatt, eine Benzinzapfstelle der Hamburger Firma Rhenania-Ossag Mineralölwerke AG wurde im September 1931 in Betrieb genommen. Die Verkaufsprovision betrug 10%.

Zuvor betrieb dort bereits eine Familie Eberhardt einen Ausschank. Erinnerlich ist noch, dass es hier rote Brause gab – eine Spezialität. Minna bot Speisen und Getränke an. Es gab Landkost, Milch und Kaffee. Zwischendurch fanden sie noch Zeit zum Heiraten.

Im Dezember 1934 erhielt er für eine Autofahrt mit der Feuerwehr 6,00 RM.

Aufgrund handwerklicher Übergangsbestimmungen war Paul ab 1936 berechtigt, den Meistertitel im KFZ-Handwerk und als Maschinenbauer zu führen, damit verbunden war eine Ausbildungserlaubnis.

Am 10.03.1937 legte Paul Tiede die Meisterprüfung im Elektrohandwerk vor der Handwerkskammer Altona ab.

Im gleichen Jahr wurde die Planung eines eigenen Wohn- und Werkstattgebäudes in Angriff genommen. Man holte sich Rat bei der Kreishandwerkerschaft bezüglich der Finanzierung. Bauer Hans Wulf bürgte für Tiede.

1937 vermaß Hugo Erdmann das Grundstück der Familie Cobabus (Kieler Str. 65). Davon wurde das Betriebsgelände gekauft. 1939 waren die Pläne soweit gereift (eine Tankstelle war mit eingeplant), dass man mit dem Bau beginnen konnte. Das Bauholz wurde in den Luhn´schen Tannen gefällt. Das war etwas brisant, Paul war unpolitisch, aber sozial eingestellt. Bei Eduard Luhn war das eher umgekehrt der Fall. 1940 war Richtfest.

Das mit dem Hausbau klappte trotz Krieg ja noch ganz gut, aber eine Tankstelle, das ging jetzt nicht mehr. Den kostbaren Sprit brauchte die Wehrmacht, viele Autos waren kriegsbedingt beschlagnahmt, da waren neue Zapfsäulen erstmal nicht zu haben. Der Betrieb ruhte sowieso. 1940 musste auch Paul zur Wehrmacht.

Den Krieg überstand er unverletzt als Werkmeister in einer KFZ-Reparatureinheit. Er kam nach Frankreich, Rußland, Rumänien und Ungarn. Kriegsgefangenschaft blieb ihm erspart.

Minna Tiede wurde kriegsverpflichtet und war Mamsell im Bramstedter Kurhaus, das jetzt (stark abgeschottet und möglichst mit viel Fremdpersonal) als Lazarett genutzt wurde. In dieser Zeit erfüllte sich ein langersehnter Wunsch. Was in Friedenszeiten nicht zu machen war, beim Fronturlaub klappte es: Minna wurde schwanger. Morgens stand sie noch am Kochtopf, nachmittags war Ursula, genannt Ursel, da. Die Geburt wurde von Dr. Fuchs begleitet (Vater von Arved Fuchs). Das war 1946. Minna war zeitweise Mitglied des Gemeinderates.

In dieser Zeit waren die Flüchtlingsfamilien Gotthusen, Fischer und Saulich im Laden provisorisch untergebracht.

Kurz nach Kriegsende hatte Paul wieder alle Hände voll zu tun. Jetzt kamen die Aufträge vom ehemaligen Feind. Die britische Militärregierung ließ ihren Fahrzeugpark auch in zivilen Werkstätten instandhalten und reparieren.

Am 12.12.1946 erteilte die Landesverwaltung Schleswig-Holstein ihm die Erlaubnis zur Reparatur von Kraftfahrzeugen.

Das Jahr 1949 hat in der Firmen-geschichte eine besondere Bedeutung. Es wurde eine Werkhalle angebaut und die schon vor 10 Jahren geplante Tankstelle errichtet.

Familie Tiede war stets sozial eingestellt, deshalb schlug die Gemeinde Paul als Vormund vor. Ob das in diesem Fall zum Tragen kam, ist nicht sicher.

Der Betrieb bildete auch aus. Bei den gewerblichen Lehrlingen sind folgende Namen bekannt: Hermann Gier, Theo Schwarz, Heinz Klages, Horst Schindowski, Klaus Taube, Horst Schott, Egon Jeske, Georg Stegemann, Hans Bracker, Bernd Koslowski, Dieter Werner, Heinz Lott, Dieter Haffke, Dieter Böge, Hartmut Block, Hans-Joachim Steingräber und Gerhard Weiss, kurzfristig Friedrich Averhoff.

Kaufmännisch ausgebildet wurden Herta Sinn, Marlene Lindenblatt und Ursula Tiede. Als Gesellen waren Hermann Gier, Kurt Warschke und Uwe Lüder beschäftigt.

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