Meine Heimat

Ein Schulaufsatz von Elfriede Kruse 1954

Meine Heimat ist das schöne Land Schleswig Holstein. Im Westen und im Osten rauschen die beiden Meere: die wilde Nordsee, von vielen auch „Der blanke Hans“ genannt und die Ostsee. In der Mitte zieht sich ein breiter Geestrücken entlang. Auf dieser Geest liegt mein Heimatdorf Lentföhrden.

Die Bundesstraße 4 zieht durch diesen Ort. Dadurch lebt das sonst so ruhige Dorf auf. Im Herzen des Dorfes steht das Denkmal, welches vor zwei Jahren neu errichtet wurde, auch für die Gefallenen und Vermissten des letzten Krieges. Auf einer kleinen Anhöhe, dem Tiebarg, daneben die Schule.

Davon gibt es folgende Sage: Einst erzählte man sich im Dorfe, in dem Tiebarg sei eine goldene Wiege vergraben. Die Leute machten sich auf, um die Wiege herauszuholen. Sie gruben und gruben, aber die goldene Wiege wollte sich nicht finden lassen. Schließlich gaben sie auf. Da sagte ein alter Mann: „Ich will noch einmal alles durchgraben, vielleicht finde ich sie“. Er nahm einen Spaten und machte sich an die Arbeit. Als er eine Weile gegraben hatte, stieß er auf einen harten Gegenstand. Emsig grub er weiter, und schon schimmerte es golden durch die braune Erde. Schließlich hatte er die ganze Wiege freigegraben. Da rief er alle Bewohner des Dorfes zusammen. Von allen Seiten kamen sie gelaufen mit Spaten und Hacken. Als sie aber alle da waren, war die goldene Wiege verschwunden. Erneut machten sie sich an die Arbeit und gruben alles Stück für Stück um, aber sie fanden nichts. Da gaben sie es endgültig auf und zum Andenken baute man später die Schule auf dem Tiebarg.

Das Rauschen großer starker Bäume dringt in die gemütlich warme Stube. Der Herbststurm schüttelt die Baumkronen und lässt sie ächzend hin und her schaukeln. Einen Tannenwald sehe ich vor mir, wenn aus dem Fenster meines Vaterhauses schaue. Auf einer Seite wird der Hof abgegrenzt von einer Reihe stattlicher großer Kastanien. Daran schließt sich eine Gruppe mittelgroßer Fichten. Unterbrochen wird es von einem Weg, der hinabführ zu den Wiesen. Neben dem Weg setzt es sich gleich fort. Fichten, Kiefern, Lärchen, Birken, alles steht bunt durcheinander. Die Lärchen strecken die langen hählen Arme weit über die Kiefern und Fichten. Doch auch kleine Lärchen stehen dort, die zu den großen Birken hinaufschauen. Den Abschluss dieser Runde bilden große mächtige Eichen, ihre jetzt kahlen Arme weit erstreckend. Diese großen Eichen verbinden sich hinter unserem Nachbarhaus, einer Villa, mit dem Tannenwald. Mein Elternhaus ist also ganz umgeben von Bäumen.

Försterhaus

 

Ganz im Wald liegt das Försterhaus, das nicht weit entfernt ist. Am Rande des Eichenhaines ist ein kleiner Abhang. Von oben sieht man auf grüne Wiesen. Dazwischen schlängelt sich das silberne Band eines kleinen Baches, der tagaus, tagein sein ewiges Lied murmelt. Im Frühling ist der Bach umsäumt von gelben Sumpfdotterblumen und weißen Buschwindröchen. Am Rande der Wiesen stehen Weiden, die im Frühling viele Bienen und Hummeln anziehen. Über Abhänge und Hügel wandert unser Blick weiter.

Aber nicht nur im Sommer zieht die Natur hier draußen an. Nein auch im Winter. Da ziehen viele Kinder ihren Schlitten heraus und scheuen den weiten Weg nicht. Ein steiler Berg ist es, was sie anzieht. In sausender Fahrt geht es hinunter, zwischen Eichen und Birken hindurch. Hei das macht Spaß. Bis hinunter auf die alte Heeresstraße geht es.

alter Heer- und Ochsenweg im Osten von Lentföhrden

Auf dieser Straße zogen einst vor vielen, vielen Jahren die Menschen, als die Dänen noch hier in Schleswig Holstein kämpften. Da war hier so viel Wald, dass von einem Dorf nichts zu sehen war. Man erzählt sich davon folgendes: Sie zogen umher, plünderten die Dörfer aus und vernichteten alles. Auch die Alte Landstraße zogen sie, die vom Süden Holsteins bis hinauf nach Dänemark führt. Sie wussten nicht, dass hinter den dichten Bäumen ein Dorf lag und zogen vorüber. Da hörte jemand einen Hahn krähen. Sie dachten sich: Wo ein Hahn ist, müssen auch Menschen sein. Sie machten kehrt, drangen durch den dichten Wald und plünderten das Dorf aus.

Leider gibt es so viel Wald nicht mehr hier, aber er ist ein schönes Fleckchen Erde, meine Heimat.

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