Meine Zeit in Lentföhrden, 1945 – 1951

von Horst Schindowski

Verglichen mit meinem Lebensalter, ich bin am 17.06.1931 geboren, war meine Zeit in Lentföhrden nur kurz. Bereits 1951 zog es mich nach Essen.

Mit Lentföhrden verbinden mich viele Erinnerungen. Es würde zu weit führen, wenn ich auch nur annährend die Erlebnisse der damaligen Zeit niederschreiben wollte. Darum will ich nur über die Ereignisse berichten, die mir besonders wichtig erscheinen und die mein späteres Leben, bis heute nachhaltig prägten.

Am 11. März 1945 kamen wir in Bad Segeberg mit einem Sonderzug an.

Wir, das waren meine Mutter, meine Schwester Irmgard und mein Bruder Helmut sowie viele andere Flüchtlinge. Auf der Flucht aus Ostpreußen waren wir nach einigen Tagen Aufenthalt in Berlin in Döberitz bei Brandenburg gelandet. Von dort, mussten wir nach ca. 6 Wochen wieder vor den Russen flüchten.

So landeten wir also in Schleswig-Holstein. Mit Lastwagen wurden die Ankömmlinge auf die einzelnen Ortschaften verteilt. Wir kamen nach Lentföhrden und Bauer Tönjes Peters nahm uns in Empfang. Er zeigte uns unser „Zimmer“, welches wohl früher einmal als provisorische Kornkammer diente. Das merkten wir an den vielen Mäusen, die mit uns das Zimmer bewohnten und unserer Mutter ein Grauß waren. Wir waren trotzdem dankbar, endlich wieder eine Bleibe zu haben.

Die Freude unserer Gastgeber hielt sich, aus verständlichen Gründen, ziemlich in Grenzen. Wir hätten uns nach allem was hinter uns lag einen etwas freundlicheren Empfang gewünscht.

Erst später verstanden wir die Familie, besonders Herrn Peters. Nach den schweren Schicksalsschlägen — 3 Söhne im Krieg verloren, – (so habe ich es in Erinnerung) waren viele seiner Reaktionen verständlich.

Für uns Jungs, wir waren damals 13 und 11 Jahre alt, waren vor allem die ersten Wochen ziemlich abenteuerlich. Es war ja noch Krieg und schnell hatten wir uns mit Gleichaltrigen angefreundet. Namentlich fallen mir u. a. Helmut Dörje, Walter Böge, Herbert Gooden und ein Sohn von Dr. Gatzweiler ein. Unter sachkundiger Führung unserer Freunde entdeckten wir das Dorf und seine Umgebung, durchstreiften die Wiesen, Felder und Wälder und fanden alles sehr interessant, manchmal aufregend. Der Gefahr, die vor allem durch die immer häufiger, plötzlich auftauchenden Tiefflieger bestand, waren wir uns kaum bewusst. Diese schossen auf alles was sich bewegte. So soll damals eine Frau bei der Feldarbeit von einem „Jabo“, so nannte man damals die Flugzeuge, beschossen und schwer verletzt worden sein. (Der Name ist mir leider nicht bekannt).

Es wurde auch berichtet, dass ein Geschoß das Haus von Tischler Möller getroffen hatte, und die Tochter beinahe verletzt hätte. Eines Tages hörten wir wieder einmal sehr lauten Flugzeugmotorenlärm. Im Tiefflug flogen 5 Maschinen aus Richtung Weddelbrook in Richtung Schmalfeld. Dann hörten wir auch schon das Knallen der Bordwaffen. Als wir sofort zur Kieler Strasse liefen sahen wir am „Lusbusch“ einen völlig zerschossenen, dänischen Lastwagen. Die beiden Fahrer lagen tot daneben. Ein grausiger Anblick.

An einem anderen Tag streiften wir wieder einmal durch die Gegend, nahe der B4, kurz vor Bad Bramstedt, bei den Mergelkuhlen, als plötzlich ein sehr tief fliegendes Flugzeug in unsere Richtung anflog. Wir suchten schnellstens Deckung in einem nahen Knick. Als es über uns war gab es einige Schüsse ab. Wir hörten die Einschläge ganz in unserer Nähe. Ob das uns galt oder einem Lastwagen auf der Kieler Strasse war nicht zu klären. Jedenfalls sahen wir den Piloten deutlich in seiner Kabine. Unvergessen ist mir auch der Karfreitag 1945, an dem der Flugplatz in Springhirsch bombardiert wurde.

Herr Peters scheuchte uns in einen so genannten Bunker. Es war ein offenes Erdloch. Wir fanden es lustig, dass er sich ein Brett über den Kopf hielt. Später wurde uns klar, dass diese Maßnahme durchaus sinnvoll war. Wie das folgende Erlebnis zeigt:

Wir waren an der alten „Badeanstalt“, dem kleinen Teich, wo heute die Kläranlage ist. Dort hatten wir gemeinsam mit Helmut D. ein Floß gebaut. Damit schipperten wir ein wenig herum und hatten viel Spaß. Plötzlich waren viele hochfliegende Flugzeuge über uns. Fast zur gleichen Zeit schoss die Flak, wahrscheinlich vom Flugplatz in Springhirsch. Jetzt war Eile geboten. Schnellstens verließen wir das Floß und suchten Deckung unter einem dicken, schräg stehenden Baum, dessen freiliegende Wurzeln eine Art Unterstand bildeten. Kaum war das geschafft, da sahen wir im Wasser eine ganze Menge kleiner Einschläge, auch in den Blättern der Bäume hörten wir das Rauschen, das sich anhörte als wenn jemand kleine Steine in das Blätterdach warf. Es waren die Splitter der Flakgranaten die ausgerechnet über uns explodiert waren. Kurze Zeit später hörte das Schießen auf und wir wagten uns wieder ins Freie. Da sahen wir wie offensichtlich Neumünster bombardiert wurde. Es war ein schauriges Schauspiel. So gab es noch viele Erlebnisse die sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt haben.

Sogar die Lentföhrdener Schule durfte ich noch besuchen, leider nur für fünf Wochen, was ich sehr bedauerte, denn ich ging gerne hin. Herr Foderberg war unser Lehrer.

Im April 1945 erhielt ich eine Aufforderung in Bad Bramstedt in der so genannten Jungvolk-Winteruniform zu erscheinen um in die HJ aufgenommen zu werden. Das war damals Pflicht. Damit hatte ich am allerwenigsten gerechnet, denn jeder wusste, dass der Krieg zu Ende ging und damit auch das Regime. Das größte Problem war die Uniform. Es gelang meiner Mutter eine Hose und eine Jacke soweit herzurichten, dass sie in etwa den Vorschriften entsprachen. Sogar ein Koppel wurde aufgetrieben, das zwar etwas komisch aussah, aber den Zweck erfüllte. An die Zeremonie in Bad Bramstedt kann ich mich nicht mehr erinnern, aber an etwas anderes. Plötzlich sagte einer der angetretenen Jungs: „Schaut euch den an, der trägt ja ein Polenkoppel.“ Damit war ich dem Gespött preisgegeben. Fast wäre ich verprügelt worden, denn ich hatte die Ehre der Uniform und damit die der HJ verletzt.

Einige Tage vor Kriegsende hatte sich eine SS-Einheit in Lentföhrden und Umgebung  festgesetzt. So wurde uns damals berichtet. Sie wollten angeblich Lentföhrden, vielleicht auch den Flugplatz in Springhirsch verteidigen. Glücklicherweise kam es nicht mehr dazu. Einige Tage zuvor gab uns ein Soldat den gut gemeinten Rat, das Haus schnellstens zu verlassen, denn dieses würde, wenn es zu Kampfhandlungen käme, als erstes in Flammen aufgehen. Herr Peters hatte wahrscheinlich eine heftige Auseinandersetzung mit den Soldaten gehabt. Ja, es waren damals aufregende Zeiten über die noch viel zu berichten wäre. Die vielen Einzelheiten zu schildern würde jedoch zu weit führen.

Dann war der Krieg vorbei. Es muss in den ersten Maitagen 1945 gewesen, sein als die englischen Fahrzeuge auf der Kieler Strasse auftauchten. Scharf geschossen wurde nicht mehr. Erst Tage später ballerten die Sieger mit Leuchtspurmunition, wohl  im Siegestaumel, in der Gegend herum.

An einige Befehle der Besatzungsmacht erinnere ich mich noch ganz gut. So gab es eine Anordnung, dass sämtliche Waffen abzuliefern seien. Sammelplatz war der Schulhof. Gestandene Männer hatten Tränen in den Augen, als sie die meist historisch wertvollen Sammlerstücke auf den großen Haufen warfen. Zum Schiessen waren diese Dinger kaum geeignet. Wer das wollte konnte sich ohnehin massenhaft mit intakten Waffen versorgen, die überall herumlagen – an der Straße, in den Chausseegräben usw. Deutsche Soldaten hatten sie einfach weggeworfen und niemand kümmerte sich darum. Uns Jungens interessierte vor allem die Leuchtspurmunition. Diese enthielt einen kleinen Fallschirm neben der eigentlichen Leuchtkugel. An den Moorkuhlen schossen wir diese mit den entsprechenden Pistolen ab, um an die sehr begehrten Fallschirme zu gelangen, bis uns eines Tages eine englische Streife erwischte. Wir kamen glimpflich davon, ließen dann aber von dem Umgang mit den Waffen ab.

Eines Tages hieß es, alle Fahrräder müssten abgeliefert werden. Tage später sah man die „befreiten“ Polen stolz damit durchs Dorf fahren. Sicherlich gab es auch in Lentföhrden gute Verstecke für so sperrige Gegenstände, wie Fahrräder u.ä., denn nach kurzer Zeit sah man auch wieder Lentföhrdener Einwohner, die, oh Wunder, sich mit dem damals so begehrten Verkehrsmittel fortbewegten.

Die Tommis, wie die englischen Soldaten genannt wurden, stellten „Nissenhütten“ im Garten der Bahnhofgaststätte auf und belegten auch die Lagerhallen auf dem Bahnhofsgelände. Ich erinnere mich auch schwach an einen großen Zeltplatz auf dem damals freien Gelände, wo heute Dr. Wellachs Haus steht. Dort kampierten deutsche Soldaten, wahrscheinlich Kriegsgefangene, welche nicht bewacht wurden. Mit den Deutschen, als auch mit den Engländern hatten wir uns bald angefreundet, in der Hoffnung etwas Essbares zu ergattern. Wir staunten nur über den Überfluss in dem die Engländer lebten und hin und wieder fiel auch ein Stückchen Weißbrot ab. Für uns, die wir an einem großen Lebensmittel- und Kleidungsmangel litten war das eine enorme Hilfe. Vor allem unsere Mutter freute sich über alles was essbar war, denn drei Kinder zu versorgen war damals nicht einfach.

Wann die Engländer wieder abzogen, weiß ich nicht mehr genau. Es war wohl im Sommer oder Herbst 1946.

Die so genannten Hungerjahre 1945/1946 waren sehr schlimm. Kartoffeln waren kaum zu bekommen, Steckrüben waren eine Kostbarkeit. Manch eine Familie musste sich mit Runkelrüben begnügen um überhaupt zu überleben. Es waren nicht nur die Flüchtlinge sondern auch Menschen aus den großen Städten, wie z.B. Hamburg, die in den Dörfern „hamstern“ gingen. Das führte oft zu großen Spannungen. Die Hamsterer (Bettler) fühlten sich erniedrigt und der Willkür der angeblich reichen Bauern ausgeliefert. Diese wiederum waren teilweise völlig überfordert und dem riesigen Ansturm hungriger Menschen nicht gewachsen. So kam es hin und wieder zu sehr unschönen Auseinandersetzungen und Beleidigungen. Menschen wurden mit Hunden vom Hof vertrieben oder man gab lautstark den „Rat“ schnellstens zu verschwinden und gefälligst ein paar Wochen zu warten. Dann könnte man ja wieder Gras fressen, wie zu Hause. Es kam dann zu Diebstählen und anderen schlimmen Delikten. Dies alles belastete das Zusammenleben auf viele Jahre.

Es gab auch andere Beispiele. Bauern von deren Hof niemand abgewiesen wurde, egal ob es heimatlose Soldaten, Flüchtlinge oder Ausgebombte waren. Niemand ging vom Hof ohne eine, zumindest, kleine Gabe. Man wundert sich, dass das damals überhaupt zu verkraften war. Das waren die wahren Helden, denen man eigentlich ein Denkmal setzen müsste, z.B. E. Böge an der Kieler Strasse.

Eine andere Lentföhrdener Bürgerin, Frau Anna Böge im Nützer Weg muss unbedingt erwähnt werden. Ihr selbstloses und einfühlsames Verhalten hat sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt. Es war der Muttertag 1946. Wir Kinder waren sehr traurig, dass wir der Mutter kein Geschenk machen konnten. Wir gingen ziemlich mutlos und deprimiert durchs Dorf, in der Hoffnung ein paar Feld- oder Waldblumen zu finden. So kamen wir an der Gärtnerei im Nützer Weg vorbei. Im Garten blühten wunderbare Tulpen. Das wäre ein Geschenk, aber womit sollten wir das bezahlen. Geld hatten wir nicht, Mut zum Fragen auch nicht. So entdeckte uns Frau Böge. Sie lud uns in ihr Haus ein. In einem längeren Gespräch durften wir über unser Schicksal berichten. Dabei entlockte sie uns auch unser Anliegen. Beim Abschied erhielten wir einen großen Tulpenstrauß mit den besten Grüßen an die Mutter. Wir waren alle sehr glücklich, solche netten Menschen kennen gelernt zu haben. Später entwickelte sich einen echte Freundschaft zwischen Böges, meinen Eltern und uns.

Irgendwann 1946 oder 1947 gab es wieder Tanzveranstaltungen im Saal der Bahnhofgaststätte. Wir Halbstarken durften nicht hinein. Dafür beobachteten wir das Treiben heimlich durch die Fenster des Saales. Auch der Sportverein wurde wieder gegründet bzw. neu aktiviert. Eine kurze Zeit war ich in der Turnabteilung, die zunächst von Frl. Oeser, der späteren Frau Looft geleitet wurde. Ich glaube nach einiger Zeit übernahm Herr Stellmachermeister Helmut Möller, die Leitung. Wir hatten viel Spaß aber bei mir reichten die Leistungen nicht aus. So wechselte ich zunächst zur Faustball- und später zur Fußballmannschaft. Auch das dauerte nicht lange, weil es nach meiner Meinung immer wieder ungerechte Entscheidungen gab. So verließ ich den Lentföhrdener Sportverein.

In den Sommermonaten arbeitete ich im Torfmoor mit. So lernte ich das Torfstechen, das Abfahren mit der Schiebkarre, manchmal auch per Pferd, das fachgerechte Aufsetzen der Torfsoden usw., die man im Herbst nach dem Trocknen mit Fuhrwerken zum Hof holte.

Damit wurde der Energiebedarf zum Heizen und Kochen für das ganze Jahr gedeckt. Auch wir bekamen unseren Anteil und waren dankbar dafür. Im Herbst 1946 fand ich bei Bauer Hermann Pohlmann eine befristete Arbeitsstelle. Das alles war sehr interessant und wäre einen weiteren Bericht wert.

Die leerstehende Fliegerbaracke erweckte kurz nach Kriegsende bei uns Jungens eine besondere Aufmerksamkeit. Natürlich wollten wir wissen, was sich darin verbarg. Wir waren enttäuscht als wir hineingingen und zerbrochene Fensterscheiben, Türen usw. vorfanden. Aber dann entdeckten wir in einem Zimmer einen „Komißschrank“ (wie man damals die einfachen Möbelstücke nannte). Darin waren sogar noch einige einfache, ziemlich wertlose Werkzeuge. Die gebrauchsfähigen Dinge hatten wohl schon andere Interessenten gefunden. Das ist sicher ein Beweis dafür, dass die Baracke vor Kriegsende noch von deutschen Soldaten bewohnt wurde.

Im Sommer 1945 erfuhren wir, dass in dem notdürftig instand gesetzten Gebäude ein Zimmer frei wäre. Im Spätherbst des gleichen Jahres zogen wir dort ein.

Den oben erwähnten Schrank durften wir übernehmen. Er hat uns in den ersten Jahren nach dem Krieg gute Dienste geleistet. Wie er später über die Wohnung bei Luhns bis in unser Haus im Nützer Weg gelangte, weis ich nicht.

Jedenfalls besitze ich ihn heute noch und würde ihn gerne an einen Liebhaber weitergeben, denn immerhin ist er ein Stück Zeitgeschichte.

Die Zeit in der Baracke war einerseits sehr interessant, weil alle Leute die dort wohnten, viel von ihren Erlebnissen erzählen konnten.

Wir lebten in guter Nachbarschaft zusammen und halfen uns gegenseitig, soweit das möglich war. Es war andererseits nicht ganz einfach einigermaßen erträgliche Wohnverhältnisse zu schaffen. So war z.B. das Dach sehr undicht. Es gab kaum eine Stelle im Zimmer, an der die Betten trocken stehen konnten. Auch dieses Problem wurde irgendwie, wenn auch unter großen Schwierigkeiten bewältigt. Im Winter war es bitter kalt. Der kleine Kanonenofen erzeugte nur mäßig Wärme, die dann auch noch durch die undichten Fenster und Türen entweichen konnte. Die Wände bestanden zwar aus einer doppelwandigen Bretterkonstruktion, dennoch gab es viele undichte Stellen. Kurz gesagt: „Es zog furchtbar in diesem Herbst und Winter“. Es war ein Wunder, das nicht vielmehr Bewohner krank wurden. Frau Ruski verstarb leider in der Baracke. Ob die Krankheit auf die geschilderten Verhältnisse zurückzuführen war, weiß ich nicht. Für uns alle, vor allem für die Kinder der Familie war das schrecklich.

Abgesehen von den schlimmen Erfahrungen und Umständen, war es auch eine schöne Zeit. So konnten wir unsere Mutter und die kleine Schwester mit selbst gebastelten Geschenken erfreuen. Das alles passierte in dem einen engen Zimmer. Da wurde gesägt, genagelt und gemalt. Wo das Werkzeug herkam weiß ich leider nicht mehr. Alles musste heimlich geschehen, wenn die Mutter nicht daheim war. Die Nachbarn regten sich selten auf, obwohl alles sehr hellhörig war.

Zu der Zeit wohnten, wenn ich mich recht erinnere, 10 Familien in diesem Haus. Das waren u.a. die Familien Bärwald – Ruski – Schindowski – Kröska – Rahn.

An die anderen Namen erinnere ich mich nicht mehr. Schwierig war auch die Wasser- und die Toilettenfrage.

Wasser musste bei Bauer Schröder geholt werden. Ein Toiletten-Plumpsklohäuschen auf der anderen Straßenseite sorgte für die notwendigen Entsorgungsprobleme.

Wir erlebten aber auch eine andere große Freude. Über die Suchlisten des DRK hatten wir den Aufenthaltsort eines Onkels, in Scharbeutz ermitteln können. Dieser wiederum wusste, wo sich unser Vater aufhielt. Er war noch im März 1945 nach dem großen Angriff auf Danzig, Soldat geworden. Der Betrieb, in dem er nach der Flucht aus Ostpreußen gearbeitet hatte, war zerstört. So wurde er auf der Straße aufgegriffen und in ein Ausbildungslager der Wehrmacht gesteckt. Glücklicherweise erreichte er mit einem der letzten Schiffe noch den Kieler Hafen. Von dort marschierten die Gefangenen bis in die Nähe von Neustadt/Holstein. Als es uns endlich gelang Verbindung mit ihm aufzunehmen (Züge fuhren damals kaum, die Post funktionierte auch nicht richtig) hatte er sich zu einem Arbeitseinsatz nach Minden verpflichtet. Er wusste ja nicht wo wir waren und ob wir überhaupt noch lebten. Wenn es nun auch noch schwieriger war zusammen zu kommen, so waren wir doch sehr dankbar, dass er den Krieg überlebt hatte und das wir damit rechnen konnten, dass er eines Tages nach Hause kommen würde. Unsere Geduld wurde allerdings auf eine harte Probe gestellt. Über ein Jahr mussten wir noch auf den großen Augenblick seiner Heimkehr warten.

Dann wurde unser Zimmer in der Baracke doch zu eng und wir brauchten eine größere Wohnung.

Die fand sich bei Familie Luhn im Försterhaus. Dort verlebten wir, vor allem ich, eine schöne Zeit. Wir hatten sogar einen wunderschönen Balkon. Es war herrlich dort zu sitzen, die Schulsachen für die Berufsschule zu erledigen und gleichzeitig dem vielstimmigen Gesang der Vögel zu lauschen.

Wenn auch der Umgang mit Herrn Luhn manchmal schwierig war und Spannungen nicht ausblieben, erlaubte er uns doch sogar einen Schuppen in der Nähe des Hauses im Wald aufzustellen. Hier baute mein Vater mit unserer Hilfe eine kleine Hobbywerkstatt ein. Das Material konnte er günstig von der Schrottverwertungsfirma, die auf dem Flugplatz in Springhirsch arbeitete, erwerben. Bei dieser Firma hatte er auch eine Arbeitsstelle gefunden.

In der Hobbywerkstatt baute Vater z. B. aus einzelnen Schrotteilen für uns Jungens je ein Fahrrad zusammen. Das war eine Freude als wir sie zum ersten Mal ausprobieren konnten und ein großer Schreck als wir sie, wegen zu schnellen Fahrens im Wald, defekt nach Hausse bringen mussten. Das erwartete Donnerwetter hielt sich in Grenzen. Mit viel Aufwand  wurde alles wieder in Ordnung gebracht (Vater konnte eben alles). Sogar ein Schwein konnten wir in dem Schuppen halten. Das half uns sehr, die größte Not zu überwinden, wenn auch große Trauer herrschte, als es geschlachtet wurde.

Durch gelegentliches Arbeiten bei verschiedenen Bauern konnten Vater und Mutter auch die wichtige Versorgungsfrage der Familie erträglich gestalten. Drei halberwachsene Kinder hatten ständig Hunger, die Eltern natürlich ebenfalls.

Mittlerweile hatten wir auch erfahren, dass die Grosseltern mit Onkel und Tante bei Lübeck eine Bleibe gefunden hatten. Es war natürlich unser Wunsch sie so schnell wie möglich zu besuchen. Die Reisen dorthin waren allerdings abenteuerlich. Es gab viele Gerüchte, die man nicht immer ernst nehmen konnte. So hörten wir von einer Möglichkeit von Bad Segeberg nach Lübeck mit einer „Pferdebahn“ zu gelangen. Das reizte natürlich zum Ausprobieren. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wie wir nach Bad Segeberg kamen. Jedenfalls erreichten wir tatsächlich diese „Bahn“, die ein wenig an den Wilden Westen in Amerika erinnerte. Auf halber Strecke wurde Rast gemacht. Dann ging es mit neuen Pferden weiter, so dass wir tatsächlich am Abend Lübeck erreichten.

Einige Zeit später, wahrscheinlich 1946, fuhren bereits Züge – aber wie. Wir waren mutig und versuchten Lübeck auf diese Weise zu erreichen. Früh morgens ging es los, kurz vor dem Dunkel werden waren wir in Lübeck. Dort mussten wir im Bahnhofsgebäude auf dem Steinfußboden übernachten. Am nächsten Tag erreichten wir nach einem 10 km Fußmarsch völlig erschöpft aber glücklich die Großeltern.

Zurück konnten wir mit einem Schienenbus fahren. In der Nähe von Bad Oldesloe wurde dieser an einer kleinen Anhöhe immer langsamer und blieb dann ganz stehen. Fast alle Fahrgäste mussten aussteigen und schieben. So gelang es, das Fahrzeug auf die Anhöhe zu bringen, dass dann ohne Störung weiterfuhr.

Ein weiteres Mal kamen wir unter Schwierigkeiten nach Lübeck, aber zurück lief nichts mehr. Was blieb uns übrig als zu Fuß zu gehen. 10 km vor Bad Segeberg nahm uns ein Bauer auf seinem Fuhrwerk mit. Von Bad Segeberg ging es wieder zu Fuß weiter bis Bockhorn. Als wir dort ankamen war es bereits stockdunkel. In einer Sägemühle fragten wir nach einer evtl. Unterkunft. Die Leute nahmen uns freundlich auf. Wir bekamen ein gutes Essen, was für uns eine große Wohltat war. Dann sagte der Chef, dass er uns mit seinem Opel P4 bis nach Bad Bramstedt und zwei andere älteren Leute bis nach Hause fahren würde. Zu Fuß legten wir die Strecke dann noch bis Lentföhrden zurück, was nicht ungefährlich war, denn man hörte viel von Überfällen. Spät in der Nacht, müde aber glücklich kamen wir zu Hause an. Bis heute denke ich mit großer Dankbarkeit an diese netten Leute zurück. Als ich mich vor einigen Jahren noch einmal persönlich bedanken wollte, musste ich zur Kenntnis nehmen, dass sie inzwischen leider verstorben waren.

Eine große Sorge für die Eltern war, für uns Kinder eine gute Ausbildungsstelle zu finden, was 1947 und auch in den nächsten Jahren gar nicht einfach war. Weil es schon immer mein Wunsch war entweder Elektriker oder Tischler zu werden, sprach mein Vater zuerst mit Herrn Paul Tiede. So durfte ich am 2. Januar 1947 meine Lehre dort beginnen.

Obwohl die Lehrzeit erst offiziell am 1. April begann, war ich glücklich hier arbeiten und lernen zu dürfen. Es war nicht immer leicht, nach dem Motto: „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“. So war bereits der 1. Arbeitstag am 2. Januar 1947 eine harte Probe. Es war bitterkalt. Herr Waschke, der Altgeselle sollte die Pumpe im Brunnen an der Waldburg reparieren. Ich musste mit, um evtl. Werkzeug oder Material anzureichen. Also stand ich oben am Brunnenrand, während Herr Waschke unten im Brunnen arbeitete. Tränen standen mir in den Augen, denn die Kälte war unerträglich. Aber auch dieser Tag ging vorüber.

Bereits in den ersten Wochen in der Werkstatt gelang es mir ein physikalisches Phänomen aufzuklären. Zu meinen Aufgaben gehörte es, den Werkstattofen anzuheizen noch bevor die Gesellen um 8 Uhr ihren Dienst antraten. Ein wichtiges Messgerät war ein Thermometer, das ich genau beobachtete. Zu meinem Erstaunen stellte ich fest, dass die Temperatur, wenn der Ofen bereits Wärme abgab um einige Grad tiefer absank. Für mich war das unverständlich, bis ich eines Tages feststellte, dass genau um diese Uhrzeit ein Sonnenstrahl das Thermometer traf und damit einen Temperaturanstieg bewirkte. Wenn die Sonne weiterwanderte, lag das Thermometer im Schatten und die Temperatur sank um einige Grad ab. Das war für mich eine wichtige Erkenntnis. Lernte ich doch dabei, dass Physik viel mit genauer Beobachtung und einfacher Logik zu tun hat.

Später haben wir, mein Kollege Bernhard Statkus und ich noch manche Träne vergossen, z.B. als wir wochenlang Schweißnähte von Panzerplatten, die der Chef vom Flugplatz beschafft hatte, abstemmen mussten. Sie stammten wohl von den dortigen Flakstellungen. Es gab viel rohes Fleisch an den Händen, weil der Hammer, vor allem in den ersten Tagen und Wochen oft die Hand anstatt des Meißels traf. Das war hart aber eine gute Schule fürs Leben.

Ja, ich habe in der Lehrzeit viel gelernt. Neben der Elektrotechnik, die nach meiner damaligen Meinung zu kurz kam, lernte ich auch vieles aus anderen Berufen, z. B. schlossern – stellmachern – drehen – schweißen – schmieden. Auch Fahrräder und Autos zu reparieren gehörte zum Ausbildungsprogramm. Weiterhin wurden wir beim Steine klopfen in Hamburg und zum Arbeiten im Moor eingesetzt. Es hat uns nicht geschadet und die Gesellenprüfung habe ich auch bestanden.

Zur Berufsschule ging ich nach Neumünster. Das war nicht ganz einfach, denn die Schule begann um 8 Uhr. So früh fuhr noch kein Zug von Lentföhrden, also musste ich morgens früh um ca. 5 Uhr zu Fuß nach Bad Bramstedt gehen (immer auf dem Bahndamm lang) um rechtzeitig die Bahn nach Neumünster zu erreichen.

Im Frühjahr, Sommer und Herbst war es eine Freude die herrliche holsteinische Landschaft zu genießen. Es war schön, die Tiere und Vögel, Saat und Ernte sowie das Farbenspiel der Bäume, Sträucher und Wiesen über das Jahr hin zu beobachten. Bei schlechtem Wetter und im Winter waren diese Wege allerdings eine echte Herausforderung.

So war es im Rückblick eine schöne, interessante, nicht immer leichte Zeit, an die ich jedoch gerne zurückdenke. Die Arbeitszeit ging bis 18 Uhr, auch samstags. Die Werkstatt durfte erst dann aufgeräumt werden, wenn die Gesellen die Arbeit beendet hatten. Das konnte dauern, oft bis 20 Uhr und später – wenn z.B. eine Reparatur an einem defekten Auto auszuführen war.

Auch manche Streiche haben wir ausgeheckt, wenn wir z.B. voller Spannung darauf warteten, dass der Chef eine dringende Arbeit außer Haus zu erledigen hatte. Dann wurde sehr schnell die Drehbank oder der Schweißapparat in Gang gesetzt, während einer Wache hielt. Offiziell war es für die Lehrlinge verboten an diesen „gefährlichen“ Maschinen und Geräten ohne Aufsicht zu arbeiten. Aber das war spannend und zugleich lehrreich.

Wir lernten viele Menschen durch unsere Arbeit in den Lentföhrdener Häuser kennen.

1950 bestand ich die Gesellenprüfung in Bad Segeberg.

Danach durfte ich weiter bei Paul Tiede als Geselle arbeiten, was nicht selbstverständlich war. Aus dieser Zeit wäre ebenfalls sehr viel zu berichten.

Danken möchte ich allen, die sich um unsere Ausbildung aber auch um unsere persönlichen Belange kümmerten, aber auch unsere Freuden und Sorgen teilten.

Vor allem Herrn und Frau Tiede, aber auch Herrn Waschke und dem Elektrogesellen Hermann. Auch an den Vater von Herrn Tiede, denke ich mit großer Dankbarkeit zurück. Ich erinnere mich gerne an manches tröstende und aufmunternde Wort.

In diese Zeit fiel ein weiteres, für unsere Familie wichtiges Ereignis. Bedingt durch die vielen Flüchtlinge in Schleswig Holstein, war die Wohnungsnot groß. Auf der Suche nach Auswegen, wurden auch in Lentföhrden einige Siedlungshäuser gebaut. Vaters Bewerbung um ein solches Haus im Nützer Weg hatte Erfolg.

Das Grundstück konnte von Herrn Oeser, mit finanzieller Unterstützung des damaligen Bürgermeisters gekauft werden (ohne den Kredit von 500 DM von der Gemeinde wäre das nicht möglich gewesen). Die Schulden konnte Vater in Form von Arbeitsleistung für die Gemeinde abtragen. Die Baukosten finanzierte zum Teil das Land Schleswig Holstein und zum anderen Teil die Siedlungsgesellschaft durch günstige Kredite. So konnte 1948 mit dem Bau begonnen werden.

Die derzeitige Arbeitslosigkeit meines Vaters, erwies sich trotz großer Frustration als Vorteil. So sehr er auch darunter litt, konnte er während der ganzen Bauzeit mithelfen, wodurch die Baukosten erheblich gesenkt wurden.

Das war damals ganz legal und erwünscht. Ein weniger freundlicher Zeitgenosse, der ihn beim Arbeitsamt denunzierte, wusste das angeblich aber nicht. Unsere Mutter und wir Kinder halfen ebenfalls nach unseren Möglichkeiten mit. So war das Haus nach ca. 11/2 Jahren bezugsfertig und wir zogen ein. Es war ein unbeschreibliches Gefühl und wir fühlten uns wie in einem Schloss.

Heute frage ich mich wie wir damals mit fünf Personen und später auch noch mit den Großeltern in dem kleinen Haus leben konnten. Wir waren trotz der Enge glücklich und zufrieden. Das „Reich“ meiner Mutter war der große Garten. Sie gestaltete ihn mit Vaters Hilfe zu einem kleinen Paradies und pflegte ihn mit großer Liebe und Sorgfalt bis sie gesundheitlich dazu nicht mehr in der Lage war.

Ein Ereignis ist mir noch in besonderer Erinnerung geblieben. Es muss im Sommer 1948 oder 1949 gewesen sein. Die Feuersirene ertönte und schon sah man eine Rauchwolke im Dorf aufsteigen. Schnell war klar, dass der Hof von Bauer Mißfeld brannte. Selbstverständlich eilten wir sofort dorthin. Das Haus stand bereits in Flammen. Irgendjemand sagte, dass hinter einem Seitenfenster die Räucherkammer sei. Über eine in der Nähe stehende Leiter erreichte ich das zerborstene Fenster und die dahinter liegende Räucherkammer. Andere Helfer kamen hinterher. So konnten wir fast den gesamten Inhalt der Räucherkammer retten. Kurze Zeit später erreichten die Flammen auch diesen Teil des Hauses und wir mussten schnellstens die Flucht ergreifen. Sicher war die ganze Sache ziemlich leichtsinnig, aber in dem Augenblick dachte man nicht an die Gefahr. Später brannte auch der Bauernhof von Ernst Böge auf der Kieler Strasse. Die Villa von Dr. Gazweiler erlitt ebenfalls einen Brandschaden durch Blitzschlag.

Von einem Erlebnis, das mein Leben (auch das meines Bruders) völlig veränderte, will ich zum Schluss berichten. Es war im Jahr 1947. Wir waren immer noch von dem Gedankengut der braunen Zeit geprägt. Die Ideale waren zusammengebrochen. Die Zukunft sah düster aus. Misstrauen beherrschte unser Denken und das daraus entstehende Handeln. Einen festen Halt gab es außerhalb der Familie nicht. In dieser schwierigen Zeit wurden wir von einem Freund nach Kaltenkirchen eingeladen zu einem christlichen Jugendkreis, dem EC (Entschieden für Christus). Diese Einladung lehnten wir zunächst energisch ab. Aber der junge Mann ließ nicht locker, bis wir endlich einmal mitgingen. Dieser erste Jugendkreisbesuch war unbeschreiblich. Wir wurden sehr freundlich aufgenommen und fühlten uns von Anfang an sehr wohl. Wir unternahmen gemeinsame Ausflüge, wobei viel gesungen, gespielt und geredet wurde. Jede Woche gab es außer der Jugendstunde noch andere Veranstaltungen. Dadurch lernten wir eine ganz andere Denkweise kennen, die uns anfangs fremd war, dann aber zunehmend faszinierte. Nicht mehr Frust, Misstrauen und Egoismus beherrschte uns, sondern Freude am Leben. Wirken mit und für die Freunde. Durch die gemeinsamen Gespräche, deren Grundlage die Bibel war, lernten wir mehr und mehr die Hauptperson dieses Buches kennen. So entschieden wir uns nach einiger Zeit, von Christus unser Leben bestimmen zu lassen. Diese Entscheidung habe ich nicht bereut. Sie hat bis heute mein Leben geprägt. Weil das alles in Lentföhrden und Kaltenkirchen begann, bleibt meine Lentföhrdener Zeit für mich nicht nur eine kurze Episode, sondern ein ganz wichtiger Lebensabschnitt.

Im Frühjahr 1951 verließ ich Lentföhrden. Mit dem Fahrrad erreichte ich in drei Tagen Essen. Ein Freund hatte signalisiert, dass im Ruhrgebiet gute Arbeitsmöglichkeiten wären, was sich schnell als Trugschluß herausstellte. Im Laufe der Zeit lernte ich, auch diese Stadt schätzen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten fand ich eine gute Arbeitsstelle, konnte mich auch in der Freizeit christlich und sozial betätigen. Die Familie hat nun ihre Wurzeln in Essen. Dennoch zieht es mich immer wieder nach Lentföhrden und damit auch nach Schleswig Holstein zurück, nicht zuletzt um familiäre und freundschaftliche Verbindungen zu pflegen.

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