Das Kriegsende in Lentföhrden

Erna Zukowski

„Im April 1945 tobten auch über uns in großer Höhe verschiedene Luftkämpfe, deutsche Jä­ger gegen feindliche Verbände, wobei einige niedergehende Geschosse in unserem Anwe­sen an der Reichsstraße 4 in das Dach einschlugen, was auf Grund der Belegung mit Dach­pappe für meine Familie sehr gefährlich war. Es hätte sehr leicht ein Brand entstehen kön­nen.

Zwischen dem 15. und 18. April flogen britische Jäger im Tiefflug über die parallel zur Reichsstraße verlaufende AKN – Strecke und griffen die Züge an, wobei es zwischen Kaltenkirchen und Quickborn verletzte Insassen gab, die sich auf dem Weg zur Arbeit befanden. Unter anderem wurde unser Nachbar Hans Mohr am Bein getroffen und war danach zeitlebens behindert. Auf der Reichsstraße 4 wurden zwischen Bad Bramstedt und Lentföhrden Flüchtlingstrecks beschossen, wobei eine Mutter von vier Kindern auf einem Pferdewagen sitzend schwer verletzt wurde. Soviel von den alliierten Angriffen auf wehrlose Menschen.

Ich, Erna, geborene Böge, war seit 1942 bei der 1. Marine Kraftfahr-Ausbildungs- Abteilung zusammen mit anderen Mädchen aus der Umgebung als Stabshelferin in Springhirsch ver­pachtet und konnte nach Dienstschluss jeden Abend nach Hause radeln.

1944 wurde ich nach Berlin – Lanke in die Nähe des Oberkommandos der Marine versetzt.

Bei dem Näherrücken der Front wurden wir Marinehelferinnen Anfang März 1945 mit einem Zug unter großen Schwierigkeiten nach Hamburg gebracht und sollten dann in Flensburg – Weiche an einem neuen Standort wieder unsere Tätigkeit aufnehmen. Nach einer Woche wurde ein dort abgestellter Munitionszug bombardiert. Die Baracken wackelten, aber es passierte uns nichts.

Am 2. Mai 1945 wurden alle, die in Schleswig – Holstein wohnten, mit einem nachts aus Dänemark kommenden Zug nach Neumünster gefahren. Wir Mädchen standen nun da und überlegten, wie es weitergehen könne. Also marschierten wir mit unseren Koffern zum Süd­bahnhof, der von Bombern total zerstört worden war. Da keine Züge mehr fuhren, versuch­ten wir daraufhin, Militärfahrzeuge anzuhalten, die nach Süden fuhren.

Schließlich hielt eine Kolonne von Luftwaffen -Lastkraftwagen ohne Verdeck an, die uns mitnahmen. Unterwegs bemerkten wir, dass wir auf Munitionskisten saßen, was natürlich nicht sehr angenehm war. Als englische Tiefflieger die parallel laufende Eisenbahnstrecke der AKN zwischen Bad Bramstedt und Lentföhrden abflogen, hielt die Kolonne an. Aus dem vorausfahrenden PKW stieg ein Offizier auf und fragte: „Mädchen, wer weiß wo in Lentföhrden der Bürgermeister wohnt? Wir müssen dahin!“ ich meldete mich:“ Das ist mein Vater“, ich stieg zu denen im PKW und 10 Minuten später gegen 06.00 Uhr morgens waren wir an mei­nem Elternhaus. Verschlafen kam mein Vater und meinte:“ Ich bin erst um 05.00 Uhr ins Bett gekommen, habe in der Nacht westlich des Dorfes einige Einheiten der Wehrmacht in den kleinen Wäldern untergebracht. Auch hinter der „Waldburg“ im Wald sind Soldaten unterge­kommen. Der Hauptmann bemerkte daraufhin, dass er gekommen sei, um die Verteidigung von Lentföhrden zu organisieren.

Die anderen Mädchen wollten weiter und sind auf eigene Gefahr, z.T. mit einem dänischen Fischlaster gefahren. Mein Vater hat sie noch eindringlich auf die Tieffliegergefahr hingewie­sen, da die Tommys auf alles geschossen haben, was sich bewegte.

Zuhause erfuhr ich, dass in der vorherigen Nacht eine deutsche Einheit einen Kommando­stand bei Wilhelm Mohr am Bahnhof an der Reichsstraße 4 und einen weiteren an der Ecke Kaltenkirchener Straße / Reichsstraße 4 bei dem Bauern Hinrich Timm in den dortigen Räu­men eingerichtet hatte. Lange Zeit nach dem Krieg stellte man dann fest, dass in dem Brun­nen bei Mohr große Mengen von Munition lagen.

Auf unserem Hof hatte mein Vater in eine Böschung hinein einen mit Balken abgestützten Bunker gegraben, jeder schützte sich so gut er konnte. Wenn starke Bomberverbände über der Deutschen Bucht gemeldet waren, musste meine kleinere Schwester Lore Böge, verhei­ratete Mallasch, in die Schule rennen und dort, da die Schule kein Telefon hatte, Alarm ge­ben. Die Schüler liefen dann schnell nach Hause. Außerdem musste sie mit dem Fahrrad nach Lager 2 und 3, damals zu Lentföhrden gehörend, später Gemeinde Heidmoor, fahren, um dort Meldungen hinzubringen.

Am 3. Mai 1945 war ich im Elternhaus angelangt, trennte von meiner Marinekleidung den Adler ab und unterstützte meinen Vater im Gemeindebüro. Es war eine aufreibende Zeit mit all den Soldaten, die in Richtung Hamburg zurückstrebten, den Ausgebombten und den Flüchtlingen. Alle mussten mit Papieren versorgt werden, Lebensmittelkarten, Unterkünften, ich trug zum Selbstschutz einen Wehrmachtskittel, um überzeugender zu wirken, dass ich „einer der ihren“ sei. Oft gab es in der angespannten Situation auch „Schimpfereien“.

Am 5. Mai 1945 kamen die ersten Engländer, voraus ein Kradfahrer und ein Jeep und traten als Besatzer auf. Sie ließen die französischen und polnischen Kriegsgefangenen frei und stellten diesbezügliche Forderungen. Zwei Wochen später kam ein englischer Captain und enthob meinen Vater seines Amtes. Er setzte mich ungefragt stattdessen ein. Meinem Vater geschah nichts, da die Kriegsgefangenen aussagten, dass „Böge ein guter Mann gewesen sei und sie es im Rahmen der Möglichkeiten gutgehabt hätten“.

Bahnhofsgaststätte und Schümann wurden von den Tommys bewohnt. Auf dem Bahnhofsgelände standen Nissenhütten, die nach dem Abzug der Engländer als Notunterkünfte ge­nutzt wurden.

Alle Papiere und Niederschriften hat mein Vater nicht verbrannt und sie dem späteren Bür­germeister kartonweise auf dem Milchwagen hingefahren und übergeben.

Als ein weiterer Bürgermeister nach den Akten fragte, wurde ihm mitgeteilt, dass nichts vor­handen sei. Es stellte sich dann heraus, dass diese unersetzlichen Dokumente – auf Grund des allgemeinen Verbrennungsbefehls konnten der Forschung bisher nur wenige solche Un­terlagen zugängig gemacht werden – bei einem Bauvorhaben in einem Container entsorgt worden sind.

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