Jacob Rickert, der Kugeldoktor

von Wilhelmine Christine Meyer-Schwarzlose

Mein Patenonkel Jacob Rickert kam etwa 1908, nach zwanzigjährigem Amerika­aufenthalt, nach Lentföhrden zurück. Er hatte dort schwer gearbeitet, z.a. auch am Panama-Kanal, im Amazonas-Gebiet sowie im Norden Amerikas. Bezahlt wurde in Gold. Nach seiner Rückkehr kaufte er in Lentföhrden eine Kate und heiratete mein Tante Marie, eine Schwester meiner Mutter. Von dem Rest­geld wollte er dann leben. Aber wie so etwas dann ist, es reichte nicht.

Er erwarb seinen Lebensunterhalt u.a. damit, dass er die Leute, die kleine Leiden hatten behandelte. Von Jacob Ratjens wurde er nämlich in die homöopathische Behandlung eingeführt. Diese Behandlung vollbrachte er gleicher­maßen an Mensch und Tier. Einen Arzt gab es in dem Dorf nicht, ebenso wenig hatten die Leute eine Krankenkasse. Die Bezahlung war also nicht gerade üppig. Es kamen sogar Leute aus Ulzburg die sich von ihm beraten und heilen ließen.

Jacob Ratjen hat dicke Bücher geschrieben, worin er den Verlauf der Krank­heit und die verabreichte Medizin aufzeichnete, die er auch oft im Verlauf der Krankheit wechselte. Ich weiß auch, dass er oft in der Nacht am Bett schwerkranker Menschen gesessen hat. So hat er z.B. Martha Pohlmann, die eine schwere Lungenentzündung hatte, wieder auf die Füße gebracht. Auch meine Mutter hatte, nachdem er ihr geholfen hatte, sehr großes Vertrauen zu ihm.

Als aber aus dem besetzten Ruhrgebiet die Kinder, die damals in Lentföhrden zur Erholung waren – so etwas hat es schon damals gegeben – wieder in der Heimat waren, Grüße an den „Kugeldoktor“ schickten, war er doch recht gerührt. Er heilte nämlich mit kleinen Kügelchen, Tinktur und Salben.

Ganz schlecht war damals die Bezahlung für die eigenen Kinder.

Knechte und Mägde bekamen einmal im Jahr ihren Lohn ausgezahlt Auch konnte man nur einmal im Jahr seinen Dienstherren wechseln. Es hieß: ein Jahr kann man es sogar bei einem schlechten Dienstherrn „Schinder“ aushalten.

Mein Schwager, der sehr geschickt war, schnitt am Sonntagmorgen im Kuh­stall den Männern des Dorfes die Haare. Er wurde daraufhin von seinem Vater gefragt, warum er das mache, er bekäme doch Essen, Kleidung und Unterkunft und mehr brauche er doch nicht. Dass er sich etwas Geld für seine persönlichen Bedürfnisse verdienen wollte, dafür hatte sein Vater kein Verständnis. Schließlich war mein Schwager schon im Weltkrieg gewesen, hatte sich dort das Rauchen und das Biertrinken angewöhnt und das kostete nun einmal Geld. Auch ging er gerne einmal auf einen Ball, auch das war nicht umsonst.

Dabei war sein Vater kein dummer Mensch, er war lange Jahre der „Burvogt“ und wurde erst durch die Nazis abgelöst. Für die eigenen Kinder hatten die Eltern aber kein Verständnis. Wichtig war allein die Arbeitsleistung.

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