Der Homöopath Jacob Ratjen

Erinnerungen
von Hinrich Schröder

Der Hufner Jacob Ratjen war zu seiner Zeit ganz sicher der bekannteste Mann seiner Gemeinde. Dieses Bekanntsein führte her, aus seiner Betätigung als Homöopath, die er in der Art des um die Jahrhundertwende bekanntesten Schäfer Ast in Hamburg-Hausbruch betrieb, allerdings stellte er seine Diagnose, nicht wie dieser, aus der Untersuchung von Haaren. Er beobachtete intensiv das Allgemeinbefinden der Patienten, die von nah und fern bis zu 1oo Personen pro Tag in seine Sprechstunde strömten. Sein Wissen bezog er aus einem für damalige Verhältnisse sehr großen Bücherbestand, aus dem er dann auch für den Einzelfall die geeigneten homöopathischen Mittel verordnete. Diese Mittel „Aconit und Belladonna“, allerdings in verschieden großen Rationen wurden außer an die Patienten, die zu einem sehr großen Teil mit der AKN die 1898 bis Bad Bramstedt gebaut war, auch in vielen Fällen an erkrankte Tiere auf den Bauernhöfen verabreicht.

In seiner Sprechstunde assistierte ihm seine Frau Catharina Ratjen geb. Popp aus Mühlenbarbek. Sie war eine sehr ruhige und sanfte und zarte Frau, die in jungen Jahren sehr schön gewesen sein muss.

Diese seine Art der Beratung brachte ihm im Dorf sehr viel Vertrauen und eine gewisse Autorität ein. Jakob Ratjen war natürlich durch seine Tätigkeit häufig daran gehindert, aktiv sich als Bauer zu betätigen, dabei war er ein bärenstarker Mann, dessen Leistungen besonders beim Buchweizenmähen die seinen Tagelöhnern und Knechten weit überboten wurden. Ich weiß ans Erzählungen meiner Mutter, das ihm als einzigem in der Reihe der Mäher, wegen seiner großen Schwaden zwei Frauen zum Stuken des Buchweizens folgen mussten. Vom Erzählen her weise ich auch noch, dass er in den 70er—80er Jahren den Hof seines Bruders Henning, der in geldliche Schwierigkeiten geraten war und nach Wiemersdorf gezogen war, gekauft und übernommen hatte. Auf der Hauskoppel dieses Hofes errichtete er dann, für die damalige Zeit seine Pionierleistung, eine Privatmeierei, die auf den Höfen, die bis dahin übliche Verarbeitung der Milch zur Butter und Käse übernahm. Nach einigen Jahrzehnten ging dann diese Meierei in Folge der Gründung einer Genossenschaftsmeierei ein (l9o5). Wegen seiner vielen Nebenbeschäftigungen wurde ihm dann wohl die Bewirtschaftung des grossen Betriebes zu viel (ca.2oo ha). Im Sept. 1912 wurde deswegen eine Auktion sowie eine Parzellierung durchgeführt.
Dieses Datum kenne ich so genau, weil in der Nacht um 2 Uhr mein damaliger Schwager Heinrich Pohlmann meinem Vater auf dem Sterbebett den Verlauf der Veranstaltung und der Preise der einzelnen Flächen erzählen musste. Die Preise bewegten sich damals um 30,- bps 50-, Mark pro ha, die den Erwerbern als sogenanntes Restkaufgeld gestundet wurde.

Dieser Umstand führte das, das J.Ratjen als Gläubiger auf vielen Höfen bei seinen Berufsgenossen in hohem Ansehen stand.
Aus eigenen Erinnerungen weiß ich noch, dass er in den 1. Kriegsjahren durch die Fa. Boorholdt, Kaltenkirchen, ein Altenteilshaus errichtete, das wir wegen des Baustiels und seiner aufwendigen Ausstattung als Villa bezeichneten, die damals mit Bad und Spültoilette wohl als eines der schönsten Häuser der Gemeinde gelten konnte. Ich erinnere mich, als damals (1o Jahre jung) noch genau an den Tod und die Beerdigung im Jahre 1916. Die Familie hatte alle Hebel in Bewegung gesetzt, um für den einzigen Sohn Hans Ratjen, der als Soldat an den schweren Schlachten an der Somme in Frankreich teilnahm, einen Urlaub erwirken. Das er in letzter Stunde vor der Beerdigung dann noch kam, war sicher dem Umstand zu verdanken, dass einer seiner Verwandten aus der Mühlenbarbeker Linie als Offizier in derselben Kompanie diente. Wir bewunderten dabei als Kinder den Soldaten, der mit Wickelgamaschen, für uns der Typ des damaligen Frontsoldaten war!

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