Die Erdhöhlenbewohner

Die Erdhöhlenbewohner von Lentföhrden

von Erwin Voß/Gertrud Schröder

Als in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts viele Provinzialchausseen ausgebaut wurden, musste man sich oft das Material von weit her holen. Weil dies den Bau wesentlich verteuerte, ging man daran, näher gelegene Lager zu suchen und auszubeuten. So fand man auch in der Gemarkung Lentföhrden, östlich der Bahn, eben unter der

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Erdoberfläche viele große und kleinere Findlinge. Eine Quickborner Firma übernahm die Ausbeute dieses Lagers. Als Arbeiter wurden vorwiegend Handwerksburschen eingestellt. Hier wurden sie allgemein die „Monarchen“ genannt. Zuerst wohnten sie im Gasthaus „Stadt Kiel“ in Langeln, etwa 10 km von der Arbeitsstelle entfernt. Das Mittagessen wurde dort in einer Gemeinschaftsküche gekocht und ihnen mit einem Handwagen nachgebracht. Weil aber vielen von denschon teilweise älteren Leuten der tägliche Anmarschweg zu weit war, siedelten sie sich nach und nach hier an. Da sich die „Monarchen“ auf Grund langer Erfahrungen darüber klar waren, dass von dem verdienten Geld außer für Alkohol nur noch etwas für das tägliche Essen übrigbleiben würde, mussten sie sich nach einer eigenen Behausung umsehen. Zu dem Zweck bauten sie sich Erdhütten. Man kann wohl sagen, dass damit die eigenartigste Siedlungsform begann, die Lentföhrden je erlebt hat. Die Hütten entstanden hauptsächlich in den Eichenkratts am Nützer Weg und an dem den Wiesen zugekehrten Waldburgabhang. Einer dieser Arbeiter war verheiratet, es war Karl Haupt. Weil er aus Sachsen war, wurde er kurz „de Sachs“ genannt. Von seiner Frau wird erzählt, dass sie ihm im Trinken nichts nachgab.

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Die damals geworben en Steine wurden an Ort und Stelle geschlagen und mit Pferdefuhrwerken an den Verwendungsplatz gefahren. Der Waldburgweg führte damals noch über den Wessel’schen Hof  (heute Heinrich Böge), der dann auch von den dauernden schweren Lastfuhren dementsprechend zerfahren war.

Im vorigen Jahrhundert entwickelte sich auf vielen Gebieten ein Wirtschaftsaufschwung, der in den Städten am ausgeprägtesten im Hochbau und auf dem Land im Tiefbau besonders augenfällig wurde. In unserem Bereich erreichte die Aufwärtsentwicklung einen Höhepunkt, als der dänische Staat in Schleswig-Holstein eine Überlandstraße von Altona nach Kiel errichtete. Der Meilenstein im Ort trägt die Jahreszahl 1832 und den Namenszug des dänischen Königs Frederic VI. Es liegt auf der Hand, daß bei der damaligen Bauweise, wo alles in Handarbeit geleistet wurde, eine Unzahl von Arbeitern und Material benötigt wurde. Der erforderliche Kies, Sand und Schotter wurde mit Spitzhacke, Spaten und Schaufel geworben.

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In Lentföhrden wurde damals im Gebiet um die Waldburg und Hinrichshöh ausgebeutet. Diese Arbeit zog natürlich viele Arbeiter aus anderen Ländern und allen möglichen Berufen nach hier. Eine der größten Firmen, die am Bau der B4 beteiligt waren, war das Unternehmen Alex Grund aus Altona, das zeitweilig mit bis zu 80 Pferden am Bau tätig war. Stationiert waren diese Gespanne mit den Kutschern auf dem jetzigen Hof von Herbert Böge, auf dem damals eine Gastwirtschaft betrieben wurde.

Ein Problem war die Unterbringung der Arbeitskräfte, denn viele Abenteurer, die sich, um billig unterzukommen, einfache Höhlen mit primitiven Dächern bauten, um dort zu leben und zu übernachten. In den folgenden Jahrzehnten sollen sich 50 – 60 Höhlen, vor allem in dem oben bezeichneten Gebiet, befunden haben. Da sich auch Frauen in diesen Höhlen mit ansiedelten, wurden auch kleine Gärten angelegt, um Kartoffeln und Gemüse zu erzeugen. Auch das Äußere der Hütten wurde zum Teil Blumenkästen und anderen Dingen geschmückt.

Nach Fortfall größerer Arbeitsvorkommen, vor allem des Straßenbaus, der Regulierung der Ohlau und der Ausbeutung der Kiesflächen, zogen dann die meisten wieder ab. Die Hütten verfiele, daß nach dem l. Weltkrieg nur noch einige intakte Hütten bewohnt wurden.

Monarch

Auf den Schulwanderungen kamen die Kinder über den Wiesenweg, an dem sich einige Ruinen befanden, zu einer Hütte, die sich etwa auf dem heutigen Grundstück Pieske befand. Sie wurde bewohnt von dem Monarchen, so wurden sie damals bezeichnet. Ernst Adler, der von Beruf Anstreicher war und bei vielen Bauern zum Kalken der Stallungen herangezogen wurde. Seine Hütte befand sich etwa 1,5 Meter tief in der Erde und hatte zwei Räume, die Küche und den Wohn- und Schlafraum. Er zeigte gerne seine blumengeschmückte Hütte und unterhielt sich gern mit den Kindern. Mit seinem wallenden Vollbart war er für die Kinder eine Art Märchenfigur, der sie für seine Gastfreundschaft auch gern einige Pfennige stifteten.

Eine andere Hütte befand sich in dem Gehölz hinter Slenska an der Kaltenkirchener Straße und wurde von Heinrich Scharpfenberg bewohnt, Er stammte aus einer Kapitänsfamilie und führte ein stilles Leben in seiner Einsamkeit.
Der letzte Vertreter dieser Erdhüttenbewohner war der alte Adler, der sein Leben mit Flechten von Mulden und Körben sowie dem Verkauf von Ansichtskarten seiner Hütte fristete.

Ernst Adler betrieb in seinen letzten Lebensjahren, nach dem Bau der Rheumaheilstätte in Bad Bramstedt, einen schwunghaften Handel mit den Karten, die das Bild seiner Hütte zeigten. Anfang der 30er Jahre war ein Spaziergang der Kurgäste zu seiner romantischen Hütte ein Erlebnis. Er starb erst um das Jahr 1930.
DMonarch2er romantische Eindruck trügt: Ohne medizinische Versorgung und unter unhygienischen Bedingungen trotzten viele Bewohner dem harten Leben mit Alkohol. So berichtete das „Segeberger Kreis- und Tageblatt“ 1911 über „Monarch Tetje“. Er wurde in ein Krankenhaus eingeliefert, aber ihm habe „eine reinliche Behandlung und das gänzliche Fehlen geistiger Innenbeleuchtung nicht sonderlich behagt, denn er rückte gestern aus …“ Bald danach verstarb der Mann.

Nach dem Tod dieser letzten Monarchen verfielen ihre Wohnstätten. Eine Ära, die man sich heute kaum noch vorstellen kann, ging damit zu Ende.


Die letzten Höhlenmenschen bei Hamburg                                von Horst Steffens

Die Kaltenkirchener Bahn hat auf ihrem Werbeprospekt als größte Sehenswürdigkeit der Station LENTFÖHRDEN die Höhlenbewohner angegeben, Grund genug für mich, der Sache nachzugehen. Komme also an einem schönen Morgen nach vielen Irrfahrten und vielen Fragen in ein kleines Eichenwäldchen vor dem Dorfe, werde von einem ganz trötigen Köter angefallen, der aber energisch von einem alten Mann mit Patrichartenbart zurechtgewiesen wurde. Das war der Dorfsteher dieses seltsamen Höhlenbewohnerdorfes, das jetzt leider nur zwei Bewohner zählte. Wohnungsnot war freilich nicht vorhanden, überall durch die Büsche schimmerten die Erdhütten, die wir vom Kriege noch als Fliegenbunker kannten.
Nach der üblichen Dorftellung wurde ich von dem Alten, der schon länger als 30 Jahre ortsansässig ist, eingeladen, sein Heim zu besehen. Was mir äußerlich sehr sympathisch war, war die große Blumenliebe und die peinliche Sauberkeit in den Gärtchen um die Hütten herum. Es war gerade die Stiefmütterchenzeit, und der Alte hatte in seinem Garten wirklich eine Pracht davon; die Beete waren mit Steinen eingefasst. Zur Hütte führte eine Telephonimitation, am anderen Giebel war ein Katzenauge (ohne Prüfnummer) für wildgewordene Autos. In der Hütte ein Wohnraum mit selbstgezimmertem Tisch, eine Küche mit Brennhexe und ein Schlafraum. Im Winter sind diese Behausungen sehr gemütlich und warm, nur im strengen Winter 1928/29 hat der Alte frieren müssen, aber nicht wegen der großen Kälte, sondern weil sein Bau noch nicht ganz ausgetrocknet war und nun nasskalt war.
Und das Leben dieser Leute? Der Alte erzählte, dass er schon länger als 30 Jahre hier gehaust hätte. Er war Maler aus Sachsen; er arbeite noch mit seinen 70 Jahren in Kaltenkirchen. Es gefällt ihm hier so gut, dass er hier bis an sein Ende bleiben will, wenn er zuletzt auch nur ganz allein hausen müsste. Vor dem Kriege ist die Siedlung in größter Blüte gewesen, 30 Hütten und mehr. Sie haben auf den Bauernkoppeln die Steine ausgegraben, zerschlagen und als Baumaterial an die Chausseeverwaltungen verkauft; jetzt werden die Steine aber billiger von den großen Steinbrüchen Mitteldeutschlands bezogen, so dass die Arbeit nicht mehr lohnt. In der Blütezeit sind regelrechte Straßen und Plätze dagewesen: Alexanderplatz, St. Pauli, Reeperbahn, Unter den Linden, Kurfürstendamm und andere berühmte Straßennamen, der jeweiligen Heimat der Anlieger entnommen. Täglich ist auch die Polizei gekommen und hat Volkszählung gehalten. Die Bewohner haben unter sich auch ihre besonderen Rufnamen gehabt, so ist da eine zeitlang ein ROTHSCHILD gewesen, in der Tat ein „stein“-reicher Mann. Frauen sind in der Kolonie nicht geduldet worden. Der Erlös aus dem Steinhandel ist wohl vielfach nach der Arbeit verteilt worden: 95 % Branntwein und 5 % Brot („Minsch wat wullt mit all dat Brot“). Das war die Blütezeit dieser Siedlung; jetzt sind nur noch zwei Bewohner da, der Maler und der andere, der in einer Zementsteinfabrik arbeitet. Was ich erwartet hatte zu finden? Monarchen; was ich fand? Ordentliche Leute, die sich durch ihrer Hände Arbeit nährten und hier, wenn auch ein etwas seltsames, so doch ein ordentliches Leben führten.



Erdhütten in Holstein.

Von Wilh. Looff.  Essen.

Aus der Zeitschrift des Vereins für Volkskunde von 1891

Mit 3 Abbildungen nach photographischen Aufnahmen des Verfassers.

In mehreren Balkanstaaten, z.B. in Bulgarien und Rumänien, sowie im südlichen Rußland bilden Erdhütten noch jetzt häufig die ständige Unterkunft der ärmeren
Landbevölkerung. Daß aber selbst in einem Lande von dem Kulturzustande Deutschlands noch Hütten in größerer Anzahl vorhanden sind, die Wohnungen aus prähistorischer Zeit fast vollständig gleichen, dürfte vielfach nicht bekannt sein.

Eine ganze Ansiedlung solcher Bauten befindet sich in Holstein, im Kreise Segeberg, in der Nähe des kleinen Ortes Lentföhrden, einer Station der Eisenbahn von Altona nach Bramstedt. Etwas östlich von diesem Dorfe zieht sich ein mit Laub- und Nadelwald bestandener niedriger Höhenzug hin, an dessen südlicher Abdachung die Hütten, 14 an der Zahl, liegen.

Wer mit den dortigen Verhältnissen nicht bekannt ist, kann beim ersten Anblick eines derartigen Baues wohl über dessen Zweck und Bestimmung im Zweifel bleiben. Einige Hauten sind direkt neben einem Feldwege errichtet, der zwischen dem Südrande des Waldes und einer hohen Hecke (im Holsteinischen „Knick“ genannt) hinführt, die übrigen liegen dagegen unregelmäßig im Gebüsch verstreut, und nur ein schmaler
Fußpfad führt zu ihnen.

Zehn Hütten, die dicht beieinander stehen, bilden die Kolonie „Eichheim“, während vier etwas entferntere nach ihrem ältesten Bewohner mit dem Vornamen Klaus die Bezeichnung „Clausberg“ (plattdeutsch Claasbarg) tragen. In letztgenannter Kolonie hat sich ein Besitzer auch ein Hühnerhaus und einen Schweinestall geschaffen, die beide aus einem niedrigen, mit Zweigen durchflochtenen Holzgerüst bestehen und mit Stroh gedeckt sind.

Das Schwein, das sich ebenso wie das Hühnervolk am Tage öfter im Walde umhertreibt und nur während der Abwesenheit des Eigentümers oder des Nachts eingesperrt wird, hat sogar eine gewisse Dressur aufzuweisen. Auf einen bestimmten Pfiff seines Besitzers kommt es aus dem Gebüsch herbei; den Befehl, sich in seinen Stall zu begeben, befolgt es sofort, und erst nach erfolgter Genehmigung oder Aufforderung wagt es sich wieder aus ihm hervor.

Die Erdhütten sind durchweg rechteckig gebaut und alle mehr oder weniger tief in die Erde oder mit ihrer Rückseite in den Bergabhang eingegraben. Bei einigen ragt der Dachfirst kaum über den Erdboden empor, so daß man die Hütten schon fast als Erdhöhlen bezeichnen kann.

Die Aufführung und Einrichtung derartiger Baulichkeiten erfordert gar keine oder nur verschwindend geringe Kosten, da der umliegende Wald fast das ganze nötige Material unentgeltlich liefert. Die Hütten werden in der Art gebaut, daß zunächst der Erdboden in entsprechender Tiefe – meistens 2 bis 4 Fuß – ausgeboben oder eine Höhlung in den Bergabhang eingegraben wird. (Abb. 1). Über der so entstandenen Grube errichtet
man aus Pfählen und Baumstämmen ein starkes dachförmiges Gerüst, das mit Zweigen durchflochten und von außen zuerst dicht mit kleineren Asten und Laub und danach mit der vorher ausgehobener Erde bedeckt wird. Obenauf kommen ausgestochene Rasenschichten (im Plattdeutschen „Plaggen“ oder „Bült“ genannt) zu liegen. Im Sommer bildet das Dach der Hütte daher stets eine grüne Grassfläche. Vorder- und Hinterwand werden, sofern letztere nicht in den Bergabhang eingegraben ist,
durch übereinander geschichtete Rasenstücke gebildet.

Abb.1 Erdhütte

Jede Hütte enthält nur einen Raum, der etwa 3 bis 3 ½ m lang, 2 bis 2 1/2 breit und 1 ½  bis höchstens 2 m hoch ist, so daß innenb oftmals kaum aufrecht in ihm stehen kann. Der Fußboden wird durch die bloße Erde gebildet. Die Decke, sowie sämtliche Innenwände sind mit leeren Säcken bekleidet, um ein Herabfallen von Sand oder Erde zu verhüten. Fast das ganze Mobiliar ist aus Baumästen, Stühlen und Brettern hergestellt. Den Hinterraum der Hütte nimmt gewöhnlich die Lagerstatt ein, die mit ihren Eckpfeilern in dem Erdboden festgerammt ist. Zum Füllen der Betten werden
getrocknete und in Säcke gestopfte Farnkräuter benutzt, die zugleich die gute Eigenschaft haben sollen, daß sie durch ihren Geruch Insekten und Ungeziefer von der
Wohnung fernhalten. Im vorderen Teile des Raumes finden sich vor: ein Stuhl, mehrere Kisten – die als Tisch oder Schrank Verwendung finden – und eine primitive, aus Feld- oder Ziegelsteinen errichtete Feuerstätte. Eine schadhafte, durch das Dach geführte Ofenröhre dient als Schornstein. Dieser wird bei feuchtem Wetter durch einen umgekehrt auf die Außenöffnung gestülpten Topf verschlossen, um dem Hereinregnen vorzubeugen (Abb. 3). Ein anscheinend besonders kunstsinniger Bewohner hat sich sogar einen praktischen Rauchabzug durch mehrere bodenlose, aufeinander getürmte Blecheimer, die nach oben hin immer kleiner worden, geschaffen.

Abb. 3. Erdhütte

Du die Erdhütten vorzugsweise nur zum Schutzegegen die Kälte dienen sollen, so erhalten sie so wenig als möglich Öffnungen nach außen. Fenster sind daher
meistens gar nicht vorhanden. Die Tür ist aus alten Brettern und Kistenteilen zusammengenagelt und wird. im Winter dicht mit Säcken überkleidet.

In der Nähe der Ansiedlung fließt ein kleiner Bach vorbei, der das nötige Wasser zum Kochen und Waschen liefert.

Vor oder neben jeder Hütte, wie es die Natur des Ortes eben mit sich bringt, ist ein kleiner Garten angelegt, auf den die Besitzer meistens sehr viel Sorgfalt verwenden; doch werden die Anpflanzungen öfter von böswilliger Hand oder von den zahlreich in den Wäldern hausenden wilden Kaninchen beschädigt.

Die Bewohner der Erdhütten stammen vorwiegend aus den östlichen Provinzen
Deutschlands; sie finden in einem, in der Nähe ihrer Behausung gelegenen
Steinbruch Beschäftigung. Ihr Verdienst beträgt bei schwerer und anstrengender
körperlicher Arbeit stündlich 20 Pfennig.

Im Sommer arbeiten sie wochentäglich 10, im Winter dagegen nur 9 Stunden. Mit Ausnahme eines einzigen, der verheiratet ist, führen die Erdhüttenbewohner alle
eine Junggesellenwirtschaft. Zur Herrichtung und Einnahme des Mittagsmahles steht ihnen nur eine Stunde Zeit, zur Verfügung. Sie kochen sich daher in der Regel ihre
Speisen schon am Abend vorher fertig und wärmen sie am Mittag nur rasch auf, sofern sie nicht gänzlich mit kalter Kost, die häutig aus Brot, Kartoffeln mit Heringen bestellt, vorlieb nehmen. Als Getränk dient gewöhnlich Branntwein. Der Alkohol spielt überhaupt im Leben dieser Leute eine ziemlich große Rolle. Jeden Morgen nehmen sie eine bestimmte, nicht zu knapp bemessene Quantität mit zur Arbeitsstätte, und an Sonntagnachmittagen versammeln sie sich häufig in oder, wenn die Witterung es zuläßt, vor einer Hütte oder im Walde und singen ein Liedchen mehrstimmig, jedoch nicht besonders melodisch, wobei die gefüllte Schnapsflasche im Kreise herumgeht und ihr Inhalt oft zum Anfeuchten der trocken gewordenen Lippen und Kehlen benutzt wird. Die Folgen bleibenaaber auch nicht aus.
Am Montag früh erscheint nicht selten nur die Hälfte der Leute zur Arbeit. Die übrigen machen „blau“ und trinken weiter, wenn sie noch Geld in der Tasche haben. So geht ihnen auch noch ihr kärglicher Arbeitsverdienst für diesen Tag verloren.

Die Erdhütten bewohner bilden gewissermaßen eine kleine Gemeinde für sich. Der älteste Mann der Ansiedlung wird gewöhnlich von den andern stillschweigend als Oberhaupt anerkannt. Er scheint sich nicht wenig geschmeichelt zu fühlen, wenn er
von auswärtigen Besuchern mit dem Titel „Herr Amtsvorsteher“ angeredet wird. Seine Hütte (Abb. 2) ist die größte ihrer Art; er teilt sie mit einem Arbeitskameraden, einem Taubstummen. In ihr findet sich sogar ein Bettvorleger in Gestalt eines Ziegenfelles, ein Luxusgegenstand, wie ihn sich allerdings nur der „Herr Amtsvorsteher“ leisten kann.
Über der Hütte flattert, vielleicht als Zeichen der besonderen Stellung und Würde ihres Eigentümers, an einer hohen Stange eine kleine Fahne.

Abb. 2. Erdhütte des „Amtsvorstehers“

Sämtliche Erdhütten sind ohne Zweifel nur aus dem Grunde errichtet, weil ihren Erbauern und Bewohnern die nötigen Mittel zur Erwerbung und Einrichtung größerer und zeitgemäßerer Wohnungen fehlen. Manche Leute hausen schon über 15 Jahre in einem solchen Bau und sind wohl und munter dabei. Dies dürfte als Beweis dienen, daß der ständige Aufenthalt in den Erdhütten nicht allzu ungesund sein kann.


Lentföhrden, Kaltenkirchner Nachrichten 05.09.1909

Von zahlreichen Fremden werden die in der Nähe unseres Dorfes gelegenen Erdhütten besucht. Und es ist auch ganz interessant, sich diese sonst in Deutschland wohl wenig mehr existierenden Wohnungen anzusehen. Sie liegen unweit des Bahndammes in der Lentföhrdener Heide zwischen Lentföhrden und Kaltenkirchen. Rauh wie die Behausung sind auch die Bewohner. Äußerst primitiv ist die Einrichtung dieser Höhlen, und nicht minder frugal sind die Mahlzeiten der Höhlenmenschen. Einzelne wohnen hier schon 6 und mehr Jahre.


Aus dem Wanderbuch für Mittelholstein, herausgegeben von der AKN 1939

Erdhöhlenbewohner bei Lentföhrden

Lentföhrden ist ein uraltes Dorf mitten in der Heidelandschaft des schleswig-holsteinischen Mittelrückens, auf einer sandigen Höhe neben einem von einem in gewundenem Lauf sich schlängelnden Bächlein durchzogenen Wiesental liegend. Dem Verkehr wurde Lentföhrden erst erschlossen mit dem Bau der Altona- Kieler Chaussee. In den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahr­hunderts fing man an, die Äcker östlich des Dorfes nach Steinmaterial, das dort in der Eiszeit von den Gletschern abgelagert worden ist, systematisch durchzuarbeiten und diese Steine wurden zum Bauen von Chausseen überall gebraucht. Die Arbeiter strömten aus allen Gegenden unseres Vaterlandes herbei, zum großen Teil heimatlose Gesellen, die alle Brücken hinter sich abgebrochen hatten und was sie in harter Arbeit verdienten, wurde von den meisten sofort in Alkohol umgesetzt, sodaß viele nicht einmal Geld für ein Obdach behielten. Sie buddelten sich in dem Gelände, wo sie arbeiteten, ein und schufen sich primitive Unterstände. So entstanden die Erdhöhlen, wohl etwa 30 bis 40 an der Zahl. Nachdem die Steinvorräte erschöpft waren, wanderten die meisten Höhlenbewohner weiter und ihre Behausungen verfielen. Heute gibt es deren noch zwei, die bewohnt sind. In der einen führt E . A . Adler nun schon 41 Jahre lang ein Einsiedlerleben. Er hat sich ganz wohnlich eingerichtet, auch ein Garten mit Blumen und Gemüse fehlt nicht. In der guten Jahreszeit sammelt er Pilze und Beeren, und das ganze Jahr hindurch verkauft er an diejenigen, die ihn in seiner Einsamkeit besuchen, Ansichtskarten, die ihn und seine Hütte im Bilde zeigen.
So schlägt er sich recht und schlecht durchs Leben, ist mit seinem Los zufrieden und zeigt jedem, der ihn besucht, ein freundliches Gesicht.


Postkarte von 1910

Text rechts: In Lentföhrden bei Bad Bramstedt bestand vor 10 Jahren eine von 30 bis 40 Personen bevölkerte Erdhöhlenkolonie, die von einem früheren kalifornischen Goldgräber, (der des edlen Matalles nicht zu viel erobert hatte und sich in der Heimat auf das Steinbuddelns legte,) begründet wurde. Die Kolonisten sind im Laufe der Jahre auf 4 zusammengeschmolzen. Diese letzten Höhlen-bewohner residieren noch heute unter ihrem Chef Adler 8der links vor der Hütte liegt) unbesteuert und fern der Kultur als glücklicher Naturmenschen in ihrer primitiven Erdhütte und sind glücklich, gelegentlich von einem Touristen einen Obulus für gebrannte Wasser in Empfang nehmen zu können.

 

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