Zuchthaus Rendsburg

Hans Nielsen (1904-1982) schrieb kurz vor seinem Tod seine Selbstbiographie und schrieb so eine der sehr seltenen Arbeiterbiographien, in einfacher, klarer Sprache schildert er ein ereignisreiches Leben unter schwierigen wirtschaftlichen und politischen Bedingungen.
Der Schlosser Nielsen tritt schon als Lehrling in die Gewerkschaft. 1931 gehört er zu den Mitbegründern der Sozialistischen Arbeiterpartei. Zwei Jahre später verliert er mit dem Verbot der politischen Parteien durch die Nazis seine geistig-politische Heimat. Der aus Aabenraa stammende Hans Nielsen wird Mitglied des Schleswigschen Vereins.
Die Hilfe für verfolgte Arbeitergenossen bringen ihm zwei Jahre Zuchthaus ein, die er in Fuhlsbüttel und Rendsburg (und Lentföhrden) absitzt…

Zuchthaus Rendsburg                                                                                       Hans Nielsen

Als wir in Rendsburg ankamen und in unsere Zellen gebracht wurden, war das Mittagessen bereits ausgegeben. Der ganze Bau schien voll belegt zu sein, denn ich kam in einen Gemeinschaftsraum, in dem neben mir noch dreizehn andere Gefangene untergebracht waren. Wer etwas Menschenkenntnis besaß, fand sehr schnell heraus, wer politischer und wer krimineller Gefangener war. Natürlich wurde der Neue gefragt, weswegen er hier sei. Darauf konnte ich wahrheitsgemäß antworten: »Vorbereitung zum Hochverrat.« »Na, du hast doch nicht etwa mit kleinen Mädchen gespielt?« Andere grinsten hämisch: »Na, na, war doch wohl ein süßer kleiner Einbruch.« Das waren die Kriminellen.

In dieser Gesellschaft sollte ich nun fast ein Jahr leben. Hier hieß es, gleich auf Distanz zu gehen. Die Kriminellen wurden schnell von den Politischen zur Ruhe gebracht. Es waren Kommunisten, die wegen des »Altonaer Blutsonntags« verurteilt worden waren. Als sie hörten, daß ich ein ehemaliger SAP- Mann sei, wollten sie mich sofort in politische Diskussionen verwickeln, sie wurden allerdings durch das Erscheinen des Stationswachtmeisters unterbrochen, der in Begleitung von zwei Kalfaktoren mit dem Essen kam. Er erkannte mich sofort wieder, da er während meiner Untersuchungshaft in Flensburg Dienst gehabt hatte. »Na, da sind Sie ja wieder. Was haben Sie denn mitgebracht?« »Zwei Jahre, Herr Wachtmeister.« »Ja, schämen Sie sich denn gar nicht, mit solchen Kleinigkeiten hierher zu kommen? Sie wollen doch wohl kein Bett haben, was?« Das sei allerdings meine Absicht. »Das eine Jahr können Sie ruhig auf einer Arschbacke auf dem Lokus absitzen.« »Sie haben Humor,« sagte ich. »Ja, ja, Nielsen, den muß man hier haben.« Darin gab ich ihm Recht. Er war ein großer schwerer Mann, ruhig und gutmütig. Ich habe nie eine herabsetzende Bemerkung oder ein Schimpfwort von ihm gehört. Er erinnerte mich immer an einen schwerfälligen Landarbeiter, den man in Uniform gesteckt hatte. »Aber diese Nacht müssen Sie noch Platte reißen.« Das hieß, in der ersten Nacht mußte ich noch auf einer Matratze auf dem Boden schlafen. Dann bekam ich etwas zu essen – und konnte auch mehr bekommen. »Hier braucht keiner zu hungern.« Das war wenigstens eine tröstliche Auskunft. Unser Gespräch wurde im Jargon des Hauses geführt. Ich habe mich dessen nie bedient, sondern meine Sprache von »Knastausdrücken« rein gehalten.

Am folgenden Tage wurden die Zugänge dem Anstaltsdirektor vorgestellt. Es war ein Beamter aus der Zeit vor dem Dritten Reich. Er schien ein ruhiger und sachlicher Mann zu sein. Wir wurden ihm einzeln vorgestellt. Er hatte die Akte vor sich Hegen, aus der er die Personalien entnehmen konnte. Er machte uns auf die Hausordnung aufmerksam und legte uns nahe, keinen Anlaß zu Beschwerden zu geben. Widerstand gegen Anordnungen würde mit aller Härte gebrochen. »Hier im Hause wird jeder Mann so behandelt, wie es seinem Verhalten entspricht. Führen Sie sich anständig, dann werden Sie auch keinen Anlaß zu Klagen haben.« Mit begründeten Beschwerden könne jeder an seinen Sprechtagen zu ihm kommen. Das war ein anderer Ton als der in Fuhlsbüttel übliche.
So begann wieder das Anstaltsleben – allerdings in anderer Umgebung und unter anderen
Verhältnissen. Am 12. Dezember 1934 machte ich in Gedanken einen Strich im Kalender. Der Scheitelpunkt war erreicht. Nun ging es bergab. Jeder Tag, der verging, brachte mich ein Stück der Freiheit näher. In wenigen Tagen würde wieder Weihnachten sein, das zweite Weihnachtsfest hinter Gittern. Aber wenn es wieder soweit war, würde ich mit meinen Lieben vereint sein. Das war mein Trost.
Zu Weihnachten sank die Stimmung auf den Nullpunkt. Dazu war es kalt und trübe. Am
Weihnachtsabend wurde Kartoffelsalat nach Art des Hauses mit einer großen Wurst serviert. Auch ein Stück Margarine wurde ausgegeben. Wir hatten die Gelegenheit, zum Fest einen Tannenbaum in die Zelle zu bekommen. Aber die überwiegende Mehrzahl der alten Klassenkämpfer lehnte ab. Zwischen Weihnachten und Neujahr konnte ich aus der Bücherei Thomas Manns »Zauberberg« entleihen.
Dieses Buch hatte also das Glück gehabt, dem Scheiterhaufen der Nazis entgangen zu sein.
Der Tagesablauf war immer der gleiche. Die Glocke der Zentrale teilte den Tag in die verschiedenen Abschnitte ein. Das Leben hinter Mauer und Gittern spielt sich nach eigenen Gesetzen und eigener Terminologie ab. Vieles war anders als in Fuhlsbüttel. Im Gegensatz zu den Einzelzellen hatten wir im oberen Stockwerk größere Toiletten. Die wurden ein Mal am Morgen und ein Mal am Abend geöffnet. Auch im oberen Stockwerk befanden sich große Gemeinschaftsräume. Im geräumigen Vorraum spielte sich ein geheimnisvolles, lautloses Leben ab. Dieser Raum war »die Börse«, wo mit Spatzen und Zentimetern gehandelt wurde. Angebot und Nachfrage regelten auf diesem Markt den Preis. Rauchen war in der Anstalt streng verboten. Es gab auch keinen Rauchtabak zu kaufen oder sonst irgendwie zu beschaffen. Dabei war der Hunger nach Nikotin riesengroß. Nun gab es eine Anzahl Gefangener, die in den verschiedensten Werkstätten der Anstalt arbeiteten. Sie konnten in verschiedenen Zeitabschnitten etwas Kautabak einkaufen. Dieser Tabak war nun nicht nur für den eigenen Gebrauch bestimmt. Er war auch ein begehrtes Handelsobjekt. Für einen »Zentimeter« konnte man, je nachdem, mehrere »Spatzen« kaufen. So wurden die sonntäglichen Fleischrationen genannt. Die Bezeichnung »Spatzen« sagt etwas über die Größe der Portionen aus. War Tabak angekommen, war das Angebot größer, und der Preis fiel auf fünf bis sechs Spatzen. Ging der Tabak zur Neige, dann konnte der Preis auf zehn bis zwölf Spatzen für den Zentimeter steigen. Es war auf den Gemeinschaftszellen üblich, daß sich eine Anzahl Gefangene zusammenschloß, um einen Zentimeter zu kaufen. Jeder »Anteilseigner« durfte den Tabak eine bestimmte Zeit kauen – und mußte ihn dann weitergeben. War wirklich kein Saft mehr drin, wurde der Zentimeter auf der Heizung getrocknet und dann ganz fein geschnitten. Mit Hilfe des dünnen Futters eines Briefumschlags wurde eine Zigarette gedreht, die dann die Runde unter den Anteilseignern machte. Zündhölzer gab es nicht. Feuer wurde nach Art der Steinzeitmenschen geschlagen. Man brauchte dazu ein Stückchen Flintstein und Zunder. Flintstein war knapp und stand hoch im Kurs. Er wurde von den Feldarbeiten! in die Anstalt geschmuggelt. War der Zunder alle, erhielt der Kalfaktor, ein zuverlässiger politischer Gefangener aus Altona, Bescheid. Er besorgte in der Kammer ein Stück altes Bettlaken aus Leinen. Auch das hatte seinen Preis. Am Abend wurde dann in der Gemeinschaftszelle unter Beachtung der größten Vorsichtsmaßnahmen Feuer geschlagen und das Leinentuch in Brand gesetzt. Sobald es brannte, wurde das Feuer erstickt, und der verbleibende Rest war brauchbarer Zunder, der eine ganze Zeit in einer Blechschachtel aufgehoben werden konnte. Auch eine kleine Blechschachtel hatte ihren Wert. War der Augenblick des Brennens gekommen, wurden die Fenster mit Wolldecken verhangen, damit kein Lichtschein nach draußen drang. Waren alle Vorbereitungen getroffen, versammelte sich die Rauchergemeinschaft am geöffneten Fenster. Nach einem Zug, der nicht zu lange dauern durfte, kam der nächste an die Reihe. War die Zigarette richtig gedreht, konnte es zwei Züge pro Mann geben. Mancher, er mußte allerdings sehr zuverlässig sein, konnte auch auf Kredit rauchen. Ich war froh, Nichtraucher zu sein, denn mancher Gefangene hat in der ganzen Zeit der Gefangenschaft nicht ein einziges Mal seine Fleischportion selber essen können.

Langsam wurden die Tage länger. Die Sehnsucht nach der langentbehrten Freiheit wuchs übermächtig. Die Knospen an den über die Mauern ragenden Bäume schwellten, und eines Tages waren die Bäume grün. Dann blühten die Kastanien. Jetzt mußte etwas geschehen! Ich hatte die anderen Gefangenen von der Außenarbeit auf der Domäne Lentföhrden in der Nähe von Bad Bramstedt sprechen hören. Sollte sich hier für mich eine Gelegenheit ergeben? Es wurde allerdings von Schinderei und Schufterei gesprochen. Ich überwand alle Bedenken und ließ mich beim Anstaltsdirektor vormerken. Bei der nächsten Sprechstunde warteten zehn Mann bis wir einzeln vorgelassen wurden. Ich trug mein Anliegen kurz vor: Am 12. Dezember würde ich entlassen und sollte dann sofort meine Arbeit in der Nordischen Ofenfabrik in Flensburg aufnehmen. Um in guter körperlicher Verfassung bleiben zu können, würde ich, wenn ein Arbeitsplatz in Lentföhrden frei sei, darum bitten, mich zu berücksichtigen. Er warf einen kurzen Bück in meine Akte und sagte: »Sie können berücksichtigt werden.« Damit konnte ich gehen.

Nach etwa einer Woche wurde mir beim Aufschluß gesagt, ich solle während der Freistunde drinnen bleiben und meine Sachen packen. Das war schnell erledigt. Und am Vormittag fuhr ich mit zwei weiteren Gefangenen nach Lentföhrden. Die Domäne liegt in völliger Abgeschiedenheit von der übrigen Welt. Von dem Ort Lentföhrden waren es etwa drei Kilometer bis zum Hof. Große Stallungen und Scheunen ließen auf einen großen Betrieb schließen. Die Unterkunft für die Gefangenen war leicht zu erkennen. Mehrere Meter vom Haus war sie von einem hohen Stacheldraht umgeben. Der Schlafraum war groß und luftig. Die Betten, ein langer Tisch und Hocker und eine Reihe von Wandschränken bildeten das gesamte Mobiliar. Neben dem Waschraum lag eine kleine Küche, in der die Gefangenen sich ihr Essen aufwärmen konnten. Im Laufe der Zeit war außer dem Herd allerhand an Geschirr zusammengetragen worden. Da gab es Töpfe, Reibeisen, Bratpfanne u.s.w. Der Nachmittag war für uns frei, da wir erst nach dem Essen angekommen waren. Wir konnten uns einrichten und unsere neue Umgebung ansehen. Insgesamt waren mit uns Neuen etwa vierzig »Außenarbeiter« auf dem Hof. Dazu kamen drei Hofarbeiter und sonstiges Personal. Beim Einrücken nach Arbeitsschluß sah ich unseren Flensburger Chr. H. wieder. Ihn hatte ich die letzten Tage in Rendsburg nicht gesehen, mir aber nichts dabei gedacht. Er wurde sichtlich verlegen, als er mich sah, da er mir nichts von seiner Bewerbung nach Lentföhrden gesagt hatte.

Am nächsten Morgen trat die gesamte Mannschaft vor der Unterkunft zur Arbeitseinteilung an. Als einer der Neuen kam ich in die sogenannte große Kolonne. Daneben gab es kleine Kolonnen mit je vier bis fünf Mann und einige Einzelarbeiter. Diese konnten ohne jede Bewachung ihre Arbeit verrichten. Als »Begleiter« der großen Kolonne erschien der mir schon aus Rendsburg bekannte Wachtmeister, den ich einige Wochen nicht mehr gesehen hatte. »Na, da sehen wir uns ja wieder,« meinte er, als wir alle mit Harken und Heugabeln ausgestattet wurden. Dann ging es »ohne Tritt marsch« hinaus auf die Wiesen. Gerade an dem Tag begann die Heuernte. Das Arbeitstempo war nicht schneller, als daß jeder gesunde Mensch sein Pensum schaffen konnte. Von einer nennenswerten Mechanisierung der Arbeit konnte keine Rede sein. Der Grasmäher unterschied sich nicht von denen, die zu der Zeit auch jeder kleine Bauer hatte. Aber das war ja nicht unser Problem. Am dritten Tag hörte ich, wie der Inspektor zu Chr. H. sagte: »Sie können sich wohl nicht ein bißchen schneller bewegen?« Seine Antwort war: »Ich kann nicht schneller arbeiten.« Mehr wurde nicht gesagt. Aber beim Einrücken zur Mittagspause bekam er den Bescheid, nach der Pause drinnen zu bleiben. Am nächsten Vormittag kam er zurück in die Anstalt. Er war der einzige, der bis zum Dezember zurückgeschickt wurde.

Als Außenarbeiter erhielten wir eine bessere Verpflegung und konnten in jeder Dekade (alle zehn Tage) aus unserem Arbeitsverdienst für zwei Mark einkaufen. Rauchen war auch hier verboten. Aber wozu gab es Kautabak? Als Nichtraucher war ich in der glücklichen Lage, meine zwei Mark für zusätzliche Lebensmittel ausgeben zu können. Wir erhielten etwas Margarine und Blut oder Leberwurst ausgeliefert. Ich kaufte etwas Margarine dazu und ein halbes Pfund Rindertalg sowie für den Rest fetten Speck. Als besonderen Luxus erlaubte ich mir alle zehn Tage ein Ei. Der Speck wurde zusammen mit dem Rindertalg und der Margarine ausgebraten. Das ergab eine Portion Brotaufstrich, die gerade in eine Konservendose paßte. Ich brauchte während der Zeit in Lentföhrden kein trockenes Brot zu essen. Für den Sonntagabend machte ich mir eine Platte mit Wurst, Fett und einem Ei zurecht. An einem solchen Abend ging der Hauptwachtmeister durch den Aufenthaltsraum. Hinter meinem Platz blieb er stehen. »Nun sieh doch bloß mal einer an.« »Ja,« meinte ich, »auch in schwierigen Situationen kann man immer Mensch bleiben.« »Ja, ja, Sie haben schon recht.« Nach der Heuernte wurden Rüben gepflanzt. Hier wurden sie nicht auf dem Feld in Reihen ausgesät und später ausgedünnt, sondern sie wurden in Saatbeeten ausgesät und später ausgepflanzt. Mit einem Markör wurden immer vier Löcher in das frisch gepflügte Land gedrückt, eine Pflanze hineingeworfen und mit dem Fuß festgedrückt. Diese Art des Rübenanbaus schien in Holstein ziemlich verbreitet zu sein. Nach dem Rübenanbau ging es in die Kornernte. Angebaut wurden in der Hauptsache Roggen und etwas Hafer und Gerste. Mähdrescher waren zu der Zeit noch unbekannt. Dafür wurden vier Selbstbinder eingesetzt. Ein großer Teil der Ernte wurde gleich auf dem Hof mit Hilfe einer Dampfdreschmaschine gedroschen.

Nach der Kornernte kam ich in die sogenannte kleine Kolonne mit einem Hofarbeiter als Hilfsbeamten. Wir reparierten Zäune und Einfriedungen oder verrichteten allerlei kleinere Arbeiten auf dem Hof. Zwischendurch wurde von einer großen Kolonne, zu der auch ich wieder gehörte, ein Stück Heideland umgebrochen. Dabei gab es einen kleinen Unfall. Meinem Nebenmann, wir arbeiteten in einer langen Reihe, glitt die Hacke etwas aus der Hand, und ich erhielt einen Schlag auf den linken Zeigefinger.

Der Knochen war zwar nicht verletzt – lag aber bloß. Wir wurden gefragt, ob wir uns gestritten hätten. Die Frage konnten wir wahrheitsgemäß mit Nein beantworten. Ob ich allein ins Lager gehen könnte, oder ob mich jemand für den Fall, daß mir schlecht werden sollte, begleiten soll. Ich lehnte die Begleitung ab. Schmerzen hatte ich so gut wie keine. Ich habe mich dann auf den Weg gemacht und den Unfall im Lager gemeldet. Auch hier wurde die Frage gestellt, ob es Streit gegeben hätte. Finger und Hand wurden verbunden, und ich sollte am Nachmittag nicht mit antreten. Das waren trübe Aussichten, denn ich rechnete damit, daß ich am folgenden Tag zurückgeschickt würde. Aber am Abend erhielt ich den Bescheid, am nächsten Morgen zur Arbeitseinteilung mit anzutreten. Ich wurde dem Futtermeister des Schweinestalls zugeteilt, der gerade einen Helfer brauchen konnte. Mir wurde eine lange Peitsche in die Hand gedrückt, und mit Hilfe einiger Hofarbeiter trieben wir etwa 150 Läuferschweine auf die direkt neben den Hofanlagen liegende, abgeerntete Roggenkoppel.

Zusammen mit dem Korn war eine eiweißhaltige Futterpflanze, Seradella, eingesät worden, die nun Luft bekommen hatte. Auf dieses Stoppelfeld trieben wir die Schweineherde, die gleich anfing zu fressen. Meine Aufgabe war es nun, die Herde zusammenzuhalten. Ich umkreiste sie langsam, und alles schien gut zu gehen. Plötzlich stießen einige Schweine ein Grunzen aus, und die ganze Herde jagte in einem richtigen Schweinsgalopp davon. Glücklicherweise liefen sie alle in eine Richtung. Ich stand verblüfft und erschrocken. Ebenso plötzlich wie die Herde davongelaufen war, blieb sie auch wieder stehen. Ich näherte mich langsam und hielt die Herde wieder zusammen. So ging es eine ganze Weile gut, bis sie wieder davon galoppierte. Ich ließ sie laufen und hoffte nur, daß sie sich wieder beruhigen würde. Das geschah auch. Nun machte ich mir keine Sorgen mehr, wenn sie davonstoben. Das Feld war groß genug. Nach Arbeitsschluß wurden die Tiere wieder in den Stall getrieben, bis es am nächsten Morgen wieder hinaus ging. Während der Mittagspause wurde ich von einem Hofarbeiter abgelöst. Zwei Wochen war ich Schweinehirt, dann war die Wunde verheilt. Bald rückte die Ernte der Frühkartoffeln heran. Zuerst mußten einige große Unkräuter, Knöteriche, ausgerissen werden. Jeder nahm sich eine Doppelreihe vor und nahm die Knöteriche über den Arm.

Waren wir mit einer Doppelreihe durch, war Frühstückspause. Wieder die Reihe zurück, und es war Mittag. Am Nachmittag wiederholte sich das Spiel. Das sagt wohl einiges über die Größe der Kartoffelfelder aus. Die Frühkartoffeln wurden gleich abgefahren. Wir waren der Meinung, daß auch wir einen kleinen Anteil Frühkartoffeln haben müßten, und es gelang auch, einige in den Ärmeln der Winterjacke unterzubringen. Am Abend kochte ich mir dann in unserer Küche neue Kartoffeln! Neue Kartoffeln mit Salz schmecken vorzüglich.

Die Ernte der Spätkartoffeln zog sich einige Wochen hin. Sie wurden gleich auf dem Feld eingemietet. Zuletzt ging es in die Rübenernte. Verglichen mit den heutigen Methoden war es allerdings eine primitive Arbeitsweise. Die Blätter wurden mit scharf geschliffenen Schaufeln abgeschnitten und in hohen Betonsilos eingesäuert. Fünf bis sechs Mann stampften unermüdlich in den Blättern umher, damit sie fest gepackt wurden. Zum Schutz gegen die Säure trugen wir lange Gummistiefel. Es war eine öde und ermüdende Arbeit.

Nach Abschluß der Rübenernte habe ich noch im Garten der Administration Obstbäume und Sträucher gepflanzt. So verging der Monat November. Da alle Außenarbeiter zehn Tage vor der Freilassung in die Anstalt zurückkehren mußten, kam auch ich am 2. Dezember dorthin zurück. Die Zeit in Lentföhrden habe ich gut überstanden. Sie war zwar kein Idyll, aber erträglich. Wir wurden weder gejagt noch bei der Arbeit angetrieben. Doch was bedeuteten alle Erleichterungen, die ich mir zweifellos verschafft hatte, gegen die verlorene Freiheit?

Die letzten Tage in Rendsburg verbrachte ich gemeinsam mit zwei Gefangenen, die auch unmittelbar vor ihrer Entlassung standen. Die wenigen letzten Tage zogen sich unendlich langsam dahin. Und doch! Der letzte Tag hinter Gittern, der 12. Dezember 1935, brach an. Am Vormittag des 12. Dezembers mußte ich mich in der Zentrale melden. Was hatte das zu bedeuten? Ich war beunruhigt und erschrocken. Sollte es etwa mit der Entlassung Schwierigkeiten geben? Ich meldete mich in der Zentrale und beantwortete die Frage, ob ich Hans Nielsen sei und heute entlassen würde mit »Ja«. »Sie haben sich sofort nach Ihrem Eintreffen in Flensburg bei der Gestapo zu melden, widrigenfalls werden Sie sofort verhaftet werden.« Ganz ruhig war ich nicht, sagte mir aber zu meiner Beruhigung, daß es sich hier sicherlich nur um eine Routinesache handeln würde.

Pünktlich 14.05 Uhr öffnete sich für mich und Chr. H. die große Pforte. Noch einmal hörten wir sie klirrend ins Schloß fallen. Wir waren endlich frei! Emma holte mich am Bahnhof ab. Wir waren wieder vereint. Die zwei Jahre erschienen uns wie ein langer, schlechter Traum. So sehr eilig hatte ich es mit der Meldung bei der Gestapo nun nicht. Zuerst wollte ich eine Tasse Kaffee trinken und meine Frau vorsichtig darauf vorbereiten, daß ich mich bei der Gestapo zurückmelden müsse. Auch sie war unruhig, aber ich tröstete sie mit dem Hinweis, daß diese Meldung nur Formsache sei.

Ich meldete mich bei dem Beamten Woinke, der mich zwei Jahre vorher verhört hatte. Wie würde der Empfang sein? Er forderte mich auf, Platz zu nehmen. »Ja, Herr Nielsen, nun sind Sie wieder frei.

Vergessen Sie alles, was gewesen ist, und kommen Sie unter keinen Umständen wieder hierher.« »Es ist schwer, alles, was ich erlebt habe, zu vergessen.« »Sie müssen alles vergessen! Und verhalten Sie sich ruhig. Kommen Sie noch einmal hierher, kann ich für nichts garantieren.« Er fügte noch ein persönliches Wort hinzu: »Haben Sie es sehr schwer gehabt?« »Nein, unter Berücksichtigung aller Umstände war die Zeit erträglich. Ich bin ja gesund zurückgekommen.« Damit war ich entlassen.

 

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