Lentföhrden im „Dritten Reich“

Lentföhrden im „Dritten Reich“

1929 wurde auf Antrag der Behörden dem Landrat Graf von Rantzau von den örtlichen Landjägereien ein verfassungsfeindliches und staatsgefährdendes Treiben gemeldet von einigen Organisationen gemeldet. Der „Stahlhelm“ hatte zu dieser Zeit in Lentföhrden schon 43 Mitglieder. Ihr Führer war Landmann Heinrich Pohlmann……….Das sich in Lentföhrden schon „braunes Gedankengut“ vor Hitlers Machtergreifung breit gemacht hat, sieht man an den Wahlergebnissen in der Weimarer Zeit zur Reichstagswahl vom 14.9.1930:
NSDAP 115 (60,2 %), SPD 30 (15,7 %), DNVP 18 (9,4%), KPD 6 (3,1%, DBP 16 (8,4%), StP 2 (1,0 %), WirtschP 4 (2,1 %). Im Vergleich zum Gesamtergebnis im Deutschen Reich erlangte die NSDAP nur 18,8 %. Auf einem Werbeabend in Lentföhrden mit übervollem Haus warb die Führerin Frl. Köhn für die Ziele des Bundes für deutsche Mädchen (BDM). Die ersten Gruppen der NS-Frauenschaft entstanden in Schmalfeld und in Lentföhrden in der ersten Hälfte des Jahres 1932. 1930 wurden in der Region die ersten NSDAP Ortsgruppen gegründet. 1932 wurden in Lentföhrden 70 Mitglieder ermittelt. Ihr Führer war Landwirt Gustav Pohlmann. Auch die SA formierte sich im Dorf. In der Einheit SA 29 Bad Bramstedt waren 10 Aktive aus Lentföhrden. Nach der Reichstagswahl im Juli 1932 wurde das Uniformverbot für die Parteien aufgehoben. Am 8. August 1932 meldete Oberlandjäger Hansen vom Landjägerposten (Polizeiposten) Lentföhrden, dass die SA in Weddelbrook Nachtposten im Dorfe aufgestellte. Wilhelm Ott aus Weddelbrook begründete dieses mit „sportlichem Interesse“. Er gab weiter an: „Die Posten hätten keine besonderen Aufgaben wie z.B. Personen oder Fahrzeuge anzuhalten oder anders.“ Diese Angaben scheinen mehr wie fragwürdig, wen man an die militanten Übergriffe der SA in anderen Orten denkt. Bei der Reichstagswahl am 6.11.1932 stieg das Übergewicht der Rechtsparteien in Lentföhrden sogar auf 2/3 Prozent aller Parteien:
NDSAP 59,6 %, SPD 2,4%, DNVP 23,1 %, KPD 7,5 %, DBP 1,5 %, Stp 0,7 %, ChrSoz. 5,1 %. 1933 ist der Vorstand des Bauernvereins Kreis Segeberg zurückgetreten. Der Aufbau einer NS-Standesorganisation „Kreisbauernschaft Segeberg“ wurde vorangetrieben. Der Kreisbauernführer bestimmte Wilhelm Schröder zum Ortsbauernführer.
Bei den Reichstagswahlen am 5.3.1933 erhielten die Rechten dann in Lentföhrden die absolute Mehrheit:
NS 66,9 %, SPD 2,2 %, KPD 1,9 %, Kampffront Schwarz-Weiß-Rot 29,1 %. Bei der Reichstagswahl und Volksabstimmung am 12.11.1933 war nur noch die NSDAP auf der Liste. Für sie haben 94 % mit „JA“ gestimmt. Es gab in Lentföhrden 363 Wahlberechtigte. Bei dem Volksentscheid, indem es um den Austritt aus dem Völkerbund ging, entschieden sich 97 % dafür und 12 Wähler dagegen. Am 19.8.34 ging es in einer Volksabstimmung darum, das Amt des Reichspräsidenten und des Reichskanzler zu vereinigen und somit Hitler die alleinige Macht zu übertragen.

Bramstedter Nachrichten vom 28.02.1933
Lentföhrden. Für die bevorstehenden Gemeindevertreterwahlen wurden drei Listen eingereicht. Die Kandidaten der einzelnen Listen sind: 1.) N.S.D.P., Hitlerbewegung: Hans Böge jun., Heinrich Stegemann, Hans Wulf, Johannes Wrage, Wilhelm Schröder, Gustav Schröder, Gustav Pohlmann, Eduard Luhn, Rudolf Böge, Wilhelm Mohr, Ernst Schröder, Christian Blunk. 2.) Liste „Schwarz-Weiß-Rot“: Johannes Götsch, H.T. Böge, Hinrich Pohlmann, Otto Möller, Hans Pump, Hans Gripp, Wilhelm Mäckelmann, Heinrich Pohlmann, Hans Hinr. Böge und Heinrich Vogt. 3.) Liste „Treu zur Heimat, Blau-Weiß-Rot“: Wilhelm Mahrzahl, Julius Schröder, Wilhelm Behrmann und Fritz Dührkopp.

Durch die anhaltenden Arbeitslosigkeit hatte die NSDAP wohl an Vertrauen verspielt und somit stimmten nur noch 87,4 % der Volksbefragung zu (–10.6% zur letzten Wahl). Im Vorfeld der Errichtung des Flugstützpunkt Kaltenkirchen wurden flugtechnische Demonstrationen veranstaltet. Das erste derartige Ereignis war der Flugtag in Lentföhrden im März 1934. Auf einer großen Viehwiese an der Reichsstraße 4 landeten und starteten kleine Maschinen der Hamburger Luftverkehrsgesellschaft. Das Publikum war zum Mitflug eingeladen: je 5 Personen für eine halbe Stunde für 5 RM pro Person. Zu dieser einmaligen Sensation war eine „gewaltige Menschenmenge“ zusammengekommen. Auch die Kaltenkirchener SA-Reserve war dort angerückt. Im Juni 1935 vollzog sich in der Umgebung „ein wichtiger Schritt zur Wiederherstellung nationaler Lebensart“. Die Geburtsjahrgänge 1914 und 1915 aus den Gemeinden Kampen, Hüttbleck, Kaltenkirchen, Kattendorf, Lentföhrden, Nützen, Oersdorf, Schmalfeld und Winsen wurden am 26.6. zur Musterung in der Kaltenkirchener Schule aufgerufen. Am 15.10.35 wurden die „Nürnberger Gesetze“ beschlossen. Damit wurden den jüdischen Mitbürgern wichtige Rechte geraubt. Es hieß auch „das Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“. Im Haus zur Waldburg wohnte eine Familie Staack. Frau Staack war jüdischer Herkunft. Der Mann wurde gedrängt, sich von seiner Frau scheiden zu lassen. Mehrmals saß er in Gestapohaft und wurde dort geschlagen. Während des Krieges drohte der Ehefrau mehrmals die Deportation. Es gelang nur mit Mühe, sie davor zu bewahren. Zum Bau des Militärflugplatzes Kaltenkirchen zwischen Moorkaten und Springhirsch leisteten auch Lentföhrdener Bauern über die Jahre Spanndienste gegen Bezahlung. Ebenso wurden zum Bau Kriegsgefangene eingesetzt, die in den dortigen Konzentrationslagern untergebracht wurden. Manche von ihnen wurden in kleinen Gruppen den umliegenden Bauern zur Verfügung gestellt. Da die Gefangenen sehr ausgezehrt waren wurde in aller Regel auch nur geringe Arbeitsleistungen erwartet und man gab ihnen einfache aber reichlich Kost.
Die meisten Bauernfamilien begegneten diesen Gefangenen, besonders denen asiatischer Herkunft, mit Gefühlen aus Furcht und Geringschätzung, Hass und kreatürlichem Mitleid. Ausnahmen, wie der Bauer S. aus Lentföhrden, der seine Russen mit dem dicken Peitschenstiel schlug, wenn sie nicht mehr konnten, waren selten. In den Gefangenenlager in Moorkaten gab es im Spätherbst 1941 das erste große Massensterben. So entstanden mehrere große Massengräber. Ein Lentföhrdener Bauer, Zeuge O. versicherte nachdrücklich, dass er mit seinem Pferdegespann Leichen an den Wald auf der westlichen Seite der R4, nördlich der Straßeneinmündung von Heidmoor, abgeladen habe. Zeuge B., Lentföhrden: „Gesund wurde hier keiner, sie mussten schwer arbeiten und wurden totgehungert“, Zeuge S., Lentföhrden: „Sie verschlangen rohe Rüben und Kartoffeln, bekamen Durchfall und wurden wieder arbeitsunfähig.“ Zeuge B., Lentföhrden: „Jeden Tag starben dort durchschnittlich 9-15 Russen. Die Leichen wurden abgefahren nach dem Flugplatz, immer mit demselben Flugzeug, wahrscheinlich vom Gut Alt-Springhirsch. Von den Massengräbern weiß er nichts. Er weis aber und hat es mit eigenen Augen gesehen, wie die Leichen einfach in Gruben geworfen wurden, die gerade ausgebaggert wurden zur Rohrverlegung und zu anderen Zwecken. Dann wurden sie zugeschüttet oder auch überbaut.“ Zeuge R., Lentföhrden: „Es hieß damals, dass ein Teil der vielen Toten vom Russenlager von den Gefangenen mit Schubkarren durch den Wald gefahren und am Ostrand der Jung´schen Tannen in große Löcher geworfen wurden.“Da der Luftkrieg und die Verteidigung geübt werden musste, gab es in der ersten Jahreshälfte 1941 im Lentföhrdener Moor tagelang Gefechtsübungen. Jedes Mal wurden diese Unternehmungen in der Presse angekündigt und das ganze Gebiet sorgfältig abgesperrt. Im Jahr 1943 wurde es ernst. Hamburg wurde das Ziel verheerender Angriffe. Fortan gab es ständige Angriffe. Am 5.1.44 wurde ein Lockheed-Bomber nördlich von Lentföhrden abgeschossen. Das Besatzungsmitglied Oberleutnant H. J. Winter starb und wurde in Kaltenkirchen begraben.
Die Gruppe III des Jagdgeschwader 7 unterhielt im Waldlager Heidkaten 12 Maschinen und technisches Personal. Der Gefechtsstand mit Funkzentrale hatte sich in der Lentföhrdener Schule niedergelassen.Zu den Tarneinrichtungen des Einsatzhafens gehörte auch der im Grootmoor südlich von Lentföhrden angelegte Scheinflugplatz, dessen Bezeichnung Boot BL 5 war. Er besaß Positionslampen und verschiedene Attrappen. Diese Scheinanlage hatte eine kleine Besatzung, die gegebenenfalls Leuchtfeuer bei englischen Nachteinflügen entzündete und einen Flugbetrieb vortäuschte. Die Anlage sollte vom eigentlichen Flugplatz Kaltenkirchen ablenken. Gemäß einer Anordnung des SS- und Polizeiführers sollte in den letzten Kriegswochen im April, als sich die baldige Annährung der englischen Streitkräfte abzeichnete, einige Häftlinge des Gestapo-Gefängnis Fuhlsbüttel nach Kiel gebracht werden. Am 13.4.45 erreichte der Marsch mit den „Kolafu-Häftlingen“ die Reichstrasse 4 bei Lentföhrden. Auch während dieses Abschnitts wurden mehrere Häftlinge erschossen, weil sie nicht mehr marschieren konnten. Ein „kleiner Russe“ habe sich im Heu versteckt und wurde ebenfalls „auf der Flucht“ erschossen.
Es zogen auch weiter Häftlinge aus dem Arbeitslager Waltershof durch das Land und übernachteten auf einigen Bauernhöfen in Lentföhrden. Am 20. April war das Kanonendonner der Engländer an der Elbe zu hören. Hamburg ergab sich am 4. Mai. Die letzten Truppenteile und Verbande sollten sich in der Linie Pinneberg–Elmshorn–Lutzhorn formatieren. Ein Teil der Division sollte über Quickborn bis Lentföhrden rücken und sich dort am Bahnhof melden um weiter Befehle abzuwarten. Die Truppe sollte sich auf einen hinhaltenden Widerstand an der Straßengabel nach Kaltenkirchen 500 m südlich von Lentföhrden einrichten… Zwischen 1940- und 1945 waren in Lentföhrden bis zu 30 französische Kriegsgefangenen untergebracht. Diese arbeiteten in der Landwirtschaft unter dem Kommando 824. (Quelle: Berichte des Roten Kreuzes und der Mission Scapini)

link: As de Tommies keemen

Quelle aus dem Büchern: „Verschleppt zur Sklavenarbeit“, „Zwölf wieder gefundene Jahre“ und „Das Scheitern der Demokratie in ländlichen Raum“; Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Gerhard Hoch

Bramstedter Nachrichten

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