Hühnerheim Lentföhrden

Ohne Idee kein Geschäft – das wusste auch der gelernte Bauingenieur Karl Hädicke. Er war in der der hiesigen Torfgewinnung tätig.
Etwa um 1950 verteilte er folgendes Schreiben, das sich wie ein Paragraphenwerk liest:
Hühnerheim Lentföhrden
Karl Hädicke
Lentföhrden/Holstein (Großes Lentföhrdener Moor)
Bedingungen über die Aufnahme von Legehühnern
Diese Einrichtung bezweckt, jedermann Gelegenheit zu geben, trotz Platz-mangel in den Städten, seine eigenen Hühner zu halten. Alle Mühen und mit der Fütterung und Haltung verbundene Arbeiten wird Ihnen abgenommen, gegen eine entsprechende Entschädigung, wie Sie es aus Nachstehendem entnehmen wollen. Bekanntlich ist eine rentable, vor allem gesunde Hühner-haltung nur bei reichlichem Auslauf möglich. Große Weideflächen stehen hier in ausgedehntem Maße zur Verfügung, so das Sie bei Einlieferung von gut gepflegtem Junghühnermaterial mit großen Eiern und schönem gelben Eidotter rechnen können.
Die Hühner werden in 50-100 Metern voneinander entfernt liegenden Ställen zu je 50-100 Stück in einem Stall gehalten. Dieses vermindert die Gefahr des Ausbruchs von Seuchen und verhindert vor allem deren Ausbreitung.
Die Eierlieferung erfolgt wöchentlich einmal – frei Haus – sofern die Hühnerzahl des Einlieferers 10 Stück übersteigt. Bei kleinerer Anzahl wäre zu empfehlen, daß sich einige Bekannte zusammentun und die Eier dann von einer Stelle abholen. Für diese Maßnahme wird um Verständnis gebeten, da andernfalls die Anlieferungskosten zu hoch würden. Die Lieferung erfolgt durch Boten oder per Post. In jedem Fall hat der Hühnereinlieferer 2 kräftige Bierkartons anzuschaffen, welche wechselseitig für den Transport benutzt werden. Für den Postversand kommen nur Kartons mit mindestens 50 Stück in Frage, da auch hier die Portokosten sonst zu hoch würden.
Sämtliche Hühner werden bei Einlieferung versichert gegen Feuer, Diebstahl, Raubwildschaden und sonstige Todesfälle durch Krankheiten, also gegen jeglichen Verlust. Ein in Verlust geratenes Huhn wird sofort aus meinen eigenen Beständen – gegen Aushändigung der Schadensumme – ersetzt, so daß der Eigentümer der Hühner nach zweijähriger Legetätigkeit seine voll eingelieferte Anzahl als Suppenhühner oder zur sonstigen Verwendung zurück erhält. Die Hühner können schon nach einjähriger Legetätigkeit zur anderweitigen Verwendung zurückgenommen werden, müssen aber mindestens nach zweijähriger Legetätigkeit abgenommen werden und zwar in jedem Falle nach der Mauser – innerhalb 4 Wochen – zu einem vom Hühnerheim zu bestimmenden Zeitpunkt.
Die Haltungskosten belaufen sich wie folgt:
(Die Anschaffungskosten eines Huhnes schalte ich bei der Eiergestehungs-kostenberechnung aus, da ja das Huhn in 1 – 2 Jahren – je nach Ihrer Wahl – noch vorhanden ist und als Fleischhuhn den vollen Wert der Anschaffung besitzt).
Für Futter, Fütterung, Wartung, Stallreinigung, Stallbeleuchtung, nächtliche Bewachung und Einfriedigung sowie für Geschäftsunkosten – Führung der umfangreichen Kartotheken usw. sind – bei jetzigen Futtermittelpreisen – je Huhn und Monat zu bezahlen DM 1.30 und als Versicherungskostenanteil je Huhn und Monat DM 0.13, also pro Huhn und Jahr (12 x 1.43) = DM 17.16, dazu ein e i n m a l i g e r Stallbaukostenbeitrag pro Huhn 2 Mark, zusammen DM 19.16.
Die Stallbaukosten erscheinen beim Wechsel der Hühner in der ur-sprünglichen Anzahl nicht wieder.
Für diesen Betrag erhalten Sie – frei Haus geliefert – pro Huhn und Jahr 120 Stück frische Eier. D. h., Sie produzieren ohne jede Mühe ein Ei für rund 16 Pfennig. Bei einer Durchschnittslegeleistung von 150 Eiern bleiben für den Betrieb als Gewinn und zur Deckung der Steuerlasten, Geländepachten und sonstiger Verpflichtungen der bescheidene Überschuß von etwa 30 Eiern.
Um diesen Überschuß zu erzielen, ist es erforderlich, daß nur Junghühner angenommen werden. Bekanntlich sinkt im 3. und 4. Legejahr die Eierzahl gewaltig. Das Alter des Huhnes läßt sich schwer feststellen und so könnte es vorkommen, daß alte Hühner als Junghühner ausgegeben und eingeliefert werden, somit die Rentabilität für den Betrieb ausgeschlossen ist, im Gegenteil, es wäre die Arbeit umsonst getan und es müßten unter Umständen noch Eier zugelegt werden, um den Kunden zu befriedigen.
Angenommen werden in der Regel nur leichte, gute Legerassen, wie Leghorn, Minorka usw., vor allem Nichtbrüter. Im Falle, daß jemand aus Liebhaberei schwere Fleisch- und Brutrassen halten will, bedarf dieses wegen der geringen Eierproduktion, Ausfall in der Gluckzeit und des höheren Futter-bedarfes pp einer besonderen Vereinbarung.
Eingelieferte Hühner müssen wenigstens 6 Wochen alt sein. Im kommenden Jahre können hier aufgezogene Hühner preiswert erworben werden. Auch in diesem Jahre können Leghorn aus mir bekannten Brütereien augenblicklich noch vermittelt werden.
Sollten Sie sich entschließen, noch in diesem Jahr Hühner in Pflege zu geben, dann ist zu empfehlen, zumindest Anfang Mai oder früher geschlüpfte Junghühner zu kaufen, damit Sie die Aussicht haben – bei günstigen Wetter-verhältnissen – noch vor Weihnachten in den Genuß der Eierlieferung zu 3 kommen (später geschlüpfte Küken beginnen erst im kommenden Frühjahr mit der Legetätigkeit).
Interessenten wollen bitte vor Einlieferung der Hühner mit mir in Verbindung treten, damit die Unterbringung immer gut vorbereitet ist.
Der Stallbaukostenbeitrag ist bei der Einlieferung der Hühner zu zahlen. Die Futterkosten und der Versicherungskostenanteil sind monatlich im Voraus zahlbar. Bei Nichtzahlung der Futterkosten bin ich berechtigt, mich an der Eierproduktion schadlos zu halten. Da sämtliche Futtermittel auch im Voraus bezahlt werden müssen, muß ich wiederum bis zum 1. eines jeden Monats im Besitze der Mittel sein. Für Nichtzahlung der Futterkosten einbehaltenes und daher zur Anschaffung der Futtermittel einmal verkaufte Eier können nicht nachgeliefert werden, oder nur zum Tagespreise. Werden die Futterkosten 12 Monate nicht bezahlt, dann ist das Eigentumsrecht des Einlieferers an den Hühnern verfallen.
Da ich an einer guten Eierproduktion interessiert bin, ist eine sehr gute Fütterung selbstverständlich. Will ein Hühnereinlieferer statt Futterkosten aus irgendwelchen Gründen Futter liefern (Mühlen, Futtermittelhändler), so kommt wegen Produktionsminderungsgefahr nur hochwertiges Futter in Frage. Jeder solcher Fälle bedarf einer besonderen Vereinbarung.
Ein eingeliefertes Huhn muß bis zur Beendigung der Legetätigkeit im kommenden Jahr hierbleiben, da hiervon die Existenz des Betriebes abhängt, auch wäre die 5–6monatige Pflege vor der Legeperiode umsonst getätigt, da das Unternehmen bis zu diesem Zeitpunkt unentgeltlich arbeitet und der Einlieferer nur die Futterkosten bezahlt. In Einzelfällen wie bei Auswanderung und dergl. kann ein Verkauf der Hühner an das Hühnerheim getätigt werden. Dieses gilt, wie gesagt, nur für Ausnahmefälle, denn es wäre unmöglich – schon aus finanziellen Gründen – daß das Hühnerheim z. B. den ganzen Bestand ankaufen kann. Der Futterkostenpreis ist auf den jetzigen Stand von 10.00 DM für 50 kg Körnerfutter mit über 12% Eiweißgehalt aufgebaut. Er kann Schwankungen unterliegen. Kleinere Börsenpreisschwankungen fallen nicht ins Gewicht. Es kommt der tatsächliche Händlerpreis in Frage und auch nur dann, wenn eine Preisermäßigung oder Erhöhung von 2.00 Mark pro 50 kg mindestens 2 Monate konstant bleibt. Es soll hier nicht kleinlich verfahren werden, da sonst die laufenden Umrechnungen und Benachrichtigungen ein mehrfaches verschlingen würden, als die Schwankungen ergebe. Bei sinkenden oder steigenden Preisen um 2,00 DM je 50 kg ermäßigt oder erhöht sich der Futterkostenpreis um 0.20 DM je Monat für jede 2.00 DM Preis-differenz. Bei Anschaffung einer größeren Anzahl von Hühnern empfiehlt sich eine persönliche Rücksprache.
Ich werde stets bemüht sein, der Kundschaft in jeder Hinsicht entgegen zu kommen und allen Wünschen gerecht zu werden, soweit die Interessen des Bestandes der Firma, wiederum im Interesse der Gesamtkundschaft, nicht gefährdet werden. Das Bestreben, ein einwandfreies, solides Unternehmen mit festem, zufriedenen Kundenstamm aufzubauen, erfordert bei dem geringen Gewinnanteil, daß nicht mit einem großen, bürokratischen Apparat gearbeitet wird. Alle unnötigen Unkosten müssen vermieden werden. Darum wird schon im Voraus gebeten, nach Einlieferung der Hühner, bei sämtlichen Anfragen Rückporto beizufügen. Es könnte sonst der Fall eintreten, daß durch einen schreiblustigen Kunden mit wenig Hühnern, der geringe Gewinn in Portokosten aufgeht. Erforderlichenfalls ist eine persönliche Rücksprache einem umfassenden Schriftwechsel vorzuziehen.
Da ich Ihnen nicht bekannt bin, eine Geschäftsverbindung dieser Art jedoch ein gewisses Vertrauen voraussetzt, stelle ich anheim, bei nachbenannten Persönlichkeiten Erkundigungen über mich einzuziehen:
Diplomlandwirt Dr. W. von Roeder in Bad Bramstedt, Halfinsel
Administrator Seelbach in Lentföhrden (Staatl. Versuchsgut)
Geflügelzuchtmeister W. Erler in Lentföhrden (Staatl. Versuchsgut)
Einem Versuch Ihrerseits – sei er auch in kleinstem Rahmen – sehe ich gerne entgegen, er wird bestimmt zu Ihrer Zufriedenheit ausfallen.

Hochachtungsvoll!
Karl Hädicke

______________________________________________________________

Hier endet sein Angebot.
Verwirklicht hat er diesen Gedanken nicht – oder gab es keine Nachfrage?
Die aus heutiger Sicht etwas skurrile Idee war sicher exakt kalkuliert – aber eher aus der Not heraus geboren.
Karl Hädicke stand kurz vor der Pleite. Im August 1952 stand er bei Paul Tiede bereits mit 5.000 DM für Treibstofflieferungen in der Kreide, er konnte nur Teilbeträge in Form von Heizmaterial abstottern.
Ferner trat er seine Ansprüche aus 4 Pachtverträgen für Moornutzungen an Tiede ab.
Mitte 1953 kam das Ende. Sein Versuch, das Gewerbe bei der Amtsver-waltung abzumelden, wurde schlichtweg abgelehnt.
Die Verwaltung schrieb, das aufgrund der hohen Übereignungen an Paul Tiede dieser laut Gewerbeordnung als Gewerbetreibender anzusehen sei und deshalb die Abmeldung zu betreiben habe.
Wie diese Posse ausging, ist nicht mehr feststellbar, weitere Akten liegen nicht vor.

Dieser Beitrag wurde unter Personen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar