Die Lentföhrdener Fliegerbaracke

Die Lentföhrdener Fliegerbaracke

Der Lentföhrdener Gemeinderat tagte am 08.12.1945. Im Protokoll steht:
Auf erfolgter Ladung trat heute in neuer Aufstellung der Gemeinderat zur ersten Sitzung zusammen, nachdem in den ersten Maitagen d. J. die deutsche Wehrmacht nach 6 Jahren und 8 Monaten Kriegsführung die Waffen streckte und bedingungslos kapitulierte. Die nationalsozialistische Regierung wurde aufgelöst und durch eine britische Militärregierung ersetzt.
Image_001Auch der bisherige Gemeinderat und Bürgermeister wurden ihres Amtes entlassen. Mit Zustimmung der Mil. Regierung und des Landrates wurde am 26.05.1945 der Posthalter u. Kaufmann Hinrich Theege als Bürgermeister eingesetzt, der bis zum heutigen Tage die Gemeindeverwaltung ohne Gemeinderäte führte.

Tagesordnung:

Einführung und Verpflichtung der ernannten Gemeinderäte
Bekanntgabe der vom Bürgermeister festgesetzten Hauptsatzung, die der Militärregierung im Entwurf vorgelegen hat.
Beschlussfassung über eine zu erlassende Geschäftsordnung
Einteilung der Kommission bzw. Übertragung der Funktion auf die einzelnen Gemeinderäte
Entgegennahme von Bittschriften
Weitere Punkte
Zu 1. Als Gemeinderat werden eingeführt und verpflichtet Wilhelm Mißfeldt,
Hinrich Schröder, Karl Oeser.
Wilhelm Möller konnte infolge Todesfall in der Familie nicht erscheinen.
Bei 2 weiteren Gemeinderäten ist der eingereichte Fragebogen noch
nicht geprüft.
Zu 2. Die Hauptsatzung wurde durch den Bürgerm. bekanntgegeben.
Zu 3. Die erlassene Geschäftsordnung wurde einstimmig angenommen.
Zu 4. Wohnungskommission W. Mißfeldt, W. Möller. H. Ratjen, O. Nack
Bei größeren (Wohnraum)Beschlagnahmen alle Gemeinderäte.
Zu 5: Etwaige Bittschriften sind zu jeder Sitzung einzureichen.
Zu 6. Eine allgemeine Aussprache über alle in Zukunft zu erledigenden
Angelegenheiten. Einzelheiten sollen auf nächste Tagesordnung gesetzt
werden.

Die Hintergründe
Ab 1938 wurde die Errichtung des Militärflugplatzes Kaltenkirchen-Moorkaten betrieben.
Das Luftgaukommando XI (Hamburg-Blankenese) errichtete nach Kriegsbeginn, im Sommer 1940, die Betonstraße und eine Flakstellung auf dem Krützberg. Insgesamt für 6 Geschütze sowie die dazugehörenden Munitions-bunkern. Während des Krieges waren hier wohl eher keine Geschütze stationiert, obwohl die Schulchronik von von gelegentlicher Belegung mit Geschützen und Scheinwerfern berichtet. Geschossen wurde nicht. Die Dorfbewohner begrüßten diesen Zustand, denn britische Bomber hätten eine enorme Gefahr bedeutet.
Es gab allerdings auch direkte Bombenangriffe auf unser Dorf.
Im Moor (Richtung Heidmoor) existierte ein Scheinflugplatz, der von Moorkaten ablenken sollte. Das hat die britische Luftaufklärung schnell gemerkt. Aber auch den Trick. Sie haben das Gelände auch bombardiert – die Bomben waren aus Holz.. Das bedeutete wohl: Wir haben Euch doch längst durchschaut! Britischer Humor im Krieg.
Die Aufsicht über die Anlagen führte Hans-Wilhelm Böge (Stuten-Wilhelm).
Ende 1944 kam der neuartige Düsenjäger Messerschmitt Me 262 zur Truppe nach Moorkaten und sollte vorwiegend in Norddeutschland eingesetzt werden. Der Jäger war eine Revolution im Luftkrieg. Er erreichte eine bisher nicht gekannte Geschwindigkeit und war sehr stark bewaffnet. Aber die Maschine hatte auch erhebliche Nachteile. Reichweite und Beschleunigung waren gering. Außerdem benötigte der Jäger eine überaus lange Start- und Landebahn. In Moorkaten wurde das Jagdgeschwader 7 langsam mit dieser Wunderwaffe ausgerüstet. Der Gefechtsstand samt Funkzentrale befand sich in der hiesigen Dorfschule. Ebenfalls waren 30 Luftwaffenhelferinnen unterzubringen.
Im Dezember 1944 wurde die später so genannte Fliegerbaracke auf der Hauskoppel von Artur Böge errichtet. Belegt war sie mit einer Nachrichten-einheit, die kurz vor Kriegsende verschwand.
Um die Jäger bei Start und Landung schützen zu können, wurde verstärkt Flak aufgestellt, so am südlichen Ortsausgang nahe der Reichsstrasse 4 und auch in Heidmoor beim Versuchsgut. Eine Funkmesserfassng befand auch beim heutigen Standort der Firma Bockmann, Nützen.
Kriegsentscheidend wurde die Maschine nicht – die alliierte Luftüberlegenheit was zu groß. Sie griffen gezielt die Start- und Landeplätze an und vernichteten so die meisten Maschinen am Boden. In der Luft war die Me 262 allerdings kaum schlagbar. Aber es gab einen ständigen Treibstoffmangel.
Die Bezeichnung Fliegerbaracke ist etwas irreführend. Die Moorkatener Piloten waren in Alvesloher Privatquartieren untergebracht Aber vielleicht ist der Name doch erklärbar, die hiesige Baracke ist im gleichen Format wie die Moorkatener ausgeführt, ein normierter Standardbau. Das könnte der Namensgeber sein, sichere Informationen fanden sich bisher nicht.
Image_003Am 8. Mai 1945 schwiegen endlich die Waffen und die Baracke wurde gleich einer friedlichen Nutzung zugeführt.
Im Juni 1945 kam die Flüchtlingsfamilie Rahn mit 17 Personen aus West-Preußen nach Lentföhrden. Ursprünglich wollte man in Springhirsch unter-kommen, aber da gab es keinen ausreichenden Platz. Man kam einen Tag hier, einen Tag dort unter und hörte von der leerstehenden Baracke. Bürgermeister Theege (erst seit dem 26.05.1945 im Amt) konnte die Baracke
nicht freigeben, da sie kein Gemeindeeigentum war. Kurzerhand fuhr ein Familienmitglied mit dem Fahrrad nach Bad Segeberg zur Kreisverwaltung und kam mit einer entsprechenden Freigabeverfügung zurück.
Nun wurde entrümpelt, saubergemacht und provisorisch Quartier bezogen.
Fensterscheiben gab es nicht mehr, alte Röntgenbilder dienten zur dürftigen Abdichtung.
Eine Hochzeit fand auch statt: Der Offizier Franz Lehmann heiratete seine Edith. Das waren die ersten Bewohner der Fliegerbaracke.
Untergebracht waren im Laufe der Zeit die Familien Bähne, Bärwald, Baufeld, Behrens, Ewaldine Berndt, Gustav Hesse, Robert Hildebrandt, Kalla, Klages, Kröska, Kowalewski, Kunzikowski, Lehmann, Frieda Lorenz, Rahn, Rehbein, Rieck, Maria Rink, Herr Rose, Ruski, Rutz, Schindowski, Sinn und Strohschein.
Diese Aufzählung ist möglicherweise lückenhaft.
Eine Belegung von 30 – 40 Personen war durchaus der Normalfall. Anhand erhaltener Dokumente lässt sich das Schicksal der Familie Sinn in der Baracke stellvertretend für die Bewohner teilweise rekonstruieren.
Weihnachten 1945 bekamen die hungrigen Kinder Schokoladensuppe bei der Schulspeisung. Lehrer Matthias Foderberg erlaubte, den Rest mit nach Hause zu nehmen. Diese Suppe wurde am Heiligen Abend dann verzehrt und ist noch heute als Festspeise in Erinnerung.
Gerda Sinn hatte bei aller damaliger Not noch Humor behalten und beschrieb ihre Mitbewohner zu Silvester 1950 in Gedichtform:

An der Spitze steht Familie Bähne (Wilhelm Bähne)
und dass ich es auch noch erwähne,
sie tragen Brot und Semmeln aus, (für Anita Hars)
und fahren dann von Haus zu Haus,
um keinen zu vergessen,
denn jeder will ja essen.
Adolf Kröska, als Haustierzüchter bekannt,
füttert sein Viehzeug aus freier Hand,
bis alles zum Schlachten ist bereit
und dann kommt die schönste Zeit.
Nun kann er Essen nach Strich und Faden,
solange das Fleisch noch ohne Maden.
Den guten Gustav Hesse,
daß ich ihn nicht vergesse,
der gerne spielt den Weihnachtsmann.
Wenn Kinder ihn dann beten an
dann hat auch er für sie ein Herz
und leidet im Winter keinen Schmerz.
Herr August Kowalewski im Stillen immer lacht
sitzt gerne am Harmonium
und spielt darauf ganz sacht die schönsten Kirchenlieder.
Mit dem Gesang von Frieda
und ihrer Mutter auch
wie es bei ihnen Brauch.
Herr Bärwald und auch Frau, (Karl und Marta Bärwald)
wir wissen es genau,
sind auch beim Bauern ganz beliebt
wenn es genügend Arbeit gibt.
Dort kann er seine Kräfte messen
und wartet auf das beste Essen.
Familie Sinn ihr gegenüber
tobt manchmal stark im Lampenfieber,
bringt in die Bude bald Bewegung.
Für manche Menschen leicht Erregung,
so daß ein Klopfen an der Wand
bedeutet, es nimmt überhand.
Frau Rehbein ist es nicht allein, (Helene Rehbein)
die hört, wenn wir mal richtig schrein.
Doch bittet sie in stiller Weise:
Nun Kinder, seid doch endlich leise,
seid auch auf andere schön bedacht,
drum sag ich euch jetzt gute Nacht.
Walter Behrens, als Taubenzüchter bekannt,
zieht auch als Fußballspieler durchs Land,
denn er spielt wirklich mehr als gerne
bis manchmal schon funkeln bei ihm die Sterne.
Wenn schwer verletzt er kehrt zurück,
doch hatte er immer noch das Glück,
die Sache zu beheben
in seinem jungen Leben.
Der alte Opa Rose
Kam plötzlich noch dazu,
weil er hier suchen wollte
die wohlverdiente Ruh!
Nun ist er gut geborgen
beim Behrens im Zimmer hier,
verschwunden sind die Sorgen.
Wie danke ich, Walter, dir.
Gebrüder Klages, mit Trompeten versehen, (Gustav und Arno)
kann man am besten Abends verstehen.
Dann schallen die Lieder bis dort hinaus
Und jeder schaut schnell zur Tür heraus.
Ob nun Weihnachts- oder Kirchenlieder,
man hört sie gerne immer wieder,
denn die Musik gehört zum Leben
und kann uns manche Freude geben.
Eine Bewohnerin der Fliegerbaracke

Gerda Sinn kam am 08.05.1946 mit 6 Kindern und der über 80jährigen Groß-mutter nach Lentföhrden. Zugezogen sind sie aus Horst (Scharbeutz), die Familie stammte aus Pommern. Zuerst waren sie in einer der Nissenhütten auf dem Bahnhofsgelände untergebracht, dann beim Bauern Hinrich Timm Böge (Kieler Str. 83a). Seit 1949 bewohnten sie einen kleinen Raum in der Fliegerbaracke. Die alleinstehende Frau wandte sich häufig an die Gemeindeverwaltung mit der Bitte um mehr Wohnraum. Auch gesundheitliche Gründe spielten eine Rolle, ein Kind war mehrfach im Krankenhaus, sie selbst litt unter chronischen Kopfschmerzen. Die zwei Jüngsten waren im Kinderheim Wolfsberg (Hasenmoor) untergebracht.
Im September 1949 schrieb sie, dass der Kaltenkirchener Bürgermeister Gustav Ströh (in seiner Eigenschaft als Amtmann) die Wohnung besichtigte und ihr bestätigte, dass sie für sieben Personen zu klein wäre.
Ein weiterer Antrag auf mehr Wohnraum wurde mit Datum 20.09.1949 abgelehnt mit der Begründung, dass nach Angaben von Herrn (Willi) Sinn die Kinder seiner geschiedenen Frau abgesprochen worden sind und er in Zukunft für die Kinder sorgen wird.
Willi Sinn bezeichnete sich allerdings schon am 18.03.1947 als mittellos. Er verzog nach Bad Bramstedt und betrieb dort für kurze Zeit die verwaiste Tischlerei Graf im Landweg 28 (Karl Friedrich Graf war am 21.11.1943 in Rumänien gefallen). Hier machte er gute Arbeit, war ansonsten als mürrischer Eigenbrötler bekannt. Ob er sich tatsächlich um seine Kinder kümmerte?
Ein zweiter Raum wurde ihr dann doch Ende 1950 zugestanden, aber beide Räume waren kalt und feucht. Sie fühlte sich als alleinstehende Frau offenbar seitens der Wohnraumzuteilung nicht gerecht behandelt. Sie bat um einen kleinen Schuppen, um Feuerung, Kartoffeln und Gartengeräte lagern zu können, was bislang in der Wohnung geschehen musste. Sie war auch bereit, den Schuppen zu kaufen und bat um eine Beihilfe (Darlehen) von 100 Mark.
In einem undatierten Brief schrieb sie: Für etwaige Abzahlung desselben müßte ich mich natürlich verpflichten, soweit es in meinen Kräften steht, aber wir wollen als alleinstehende Frauen nicht dauernd zurückgestellt werden, da wir ja die gleichen Rechte haben.
Zwei Wehrmachtshelferinnen  meldete die Gemeinde am 24.08.1945 an eine Wehrmachts-Kommandantur in Oersdorf:
Liane Kaiser, gebürtig in Essen, beschäftigungslos.
Lieselotte Kühl aus Lantow/Pommern, Haushaltshilfe in der Bäckerei von Paul Hars. Sie wurden in Lübeck aus dem Dienst entlassen.
Gerda Sinns Briefe an die Gemeinde wurden immer drastischer. Im Dezember 1950 schrieb sie:
…Ich hoffe u. wünsche aber, daß wir im nächsten Jahr wirklich Männer in der Wohnungskommission, die auch einmal an uns kranke Menschen denken u.
uns auch in erster Linie berücksichtigen, denn dem vorigen Bürgermeister, sowie dem jetzigen Bürgermeister ist es innerhalb von 3 ½ Jahren nicht gelungen, mir mit meinen 6 Kindern eine bessere Wohnung nachzuweisen, trotz wiederholter Anträge u. ärztlicher Bescheinigungen. Sie denken scheinbar nur immer an sich, nicht aber an die Not u. das Elend anderer Menschen, die früher auch einmal besser gelebt haben.
Wo bleibt hier alle Gerechtigkeit? Auch könnte ich diesen Herren zum neuen Jahr folgenden Spruch mit auf den Weg geben:
Willst Du glücklich sein im Leben, trage bei zu anderer Glück, denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigene Herz zurück.
In diesem Sinne wünsche ich dem ganzen Gemeinderat gute Besserung u. die besten Segenswünsche für das neue Jahr.
Gerda Sinn bemühte sich auch in Lübeck und Oldenburg/O. erfolglos um Wohnraum. Sie bezog später eine Wohnung in der Meierei.
Danach verliert sich ihre Spur. Ihr Sohn Horst ist hier noch zur Schule gegangen und erschien noch auf einem späteren Klassentreffen.
Die Baracke war in keinem guten Zustand. Bereits im Sommer 1945 ersuchte die Kommune um Zuteilung von Glas und Dachpappe, um für den kommen-den Winter bereit zu sein.
Eine Wasserversorgung für die Baracke gab es nicht. 1946 war die Baracke mit 9 Familien (34 Personen) belegt. Das von ihnen täglich benötigte Trink- und Brauchwasser musste vom nahen Gehöft geholt werden.
Da der Wasserverbrauch nun ziemlich hoch war, weigerte sich der Besitzer, weiterhin Wasser abzugeben. Er begründete das mit einer Überbeanspruchung der Pumpe. Davon überzeugte sich die Gemeinde und plante jetzt einen Brunnenbau auf dem Dreieck Kreuzweg-Mönkloher Weg.
Hierfür wurden im gleichen Jahr beim Kreiswirtschaftsamt 20 Zentner Zement angefordert, die aber nicht gewährt wurden. Eine Zuteilung war nur in Form fertiger Brunnenringe möglich, die dann aus Boostedt kamen. Am Brunnenbau war neben Rudolf Bestmann auch Hermann Rickert beteiligt, der die Gabe hatte, mit der Wünschelrute Wasseradern zu orten.
Am 17.05.1947 schrieb die Gemeinde an das Kreisgesundheitsamt, dass an-lässlich einer Ortsbesichtigung im Zuge der Seuchenbekämpfung bei der Fliegerbaracke folgende Mängel festgestellt wurden:
Belegt mit 21 Erwachsenen und 22 Kindern. Vorhandener Doppelabort muß mit Türen und festem Dach versehen werden. Außerdem müssen 2 neue Doppelaborte und eine abdeckbare Abfalllgrube errichtet werden sowie ein Brunnen mit Pumpenanlage für Trinkwasser.
Zeiten des Mangels eben – der Brunnen war seit einem Jahr geplant, aber auch Baumaterial wurde bewirtschaftet und war nur schwer zu bekommen.
Ab Mitte 1947 erhob die Gemeinde Mietforderungen, da sie selber 630 RM an Pacht an den Kreis zahlen musste und die Kosten zu hoch wurden.
Frau Sinn zahlte 15 Mark Monatsmiete.
1949 war eine grundlegende, auch hygienisch bedingte, Überholung der Baracke fällig. Paul Tiede erneuerte die marode Elektroinstallation, Dach-, Fenster- und Türarbeiten führte Stellmacher Otto Müller aus Lentföhrden durch, Bauunternehmer Otto Rathjens war ebenfalls beteiligt.
Die Baustoffe mussten mühsam beschafft werden, einen Teil lieferte Dehn & Hein. Die Baukosten sind nicht überliefert, jedenfalls stellte der Kreis 1.000
Mark zur Verfügung.


Erinnerungen an Lentföhrden                                               Horst Schindowski, Essen, 2005

Die leerstehende Fliegerbaracke erweckte kurz nach Kriegsende bei uns Jungens eine besondere Aufmerksamkeit. Natürlich wollten wir wissen, was sich darin verbarg. Wir waren enttäuscht, als wir hineingingen und nur zerbrochene Fensterscheiben, Türen usw. vorfanden. Aber dann entdeckten wir in einem Zimmer einen Komißschrank. Darin waren sogar noch einige einfache Werkzeuge. Die gebrauchsfähigen Dinge hatten wohl schon andere Interessenten gefunden. Das ist sicher ein Beweis dafür, dass die Baracke vor Kriegsende noch von deutschen Soldaten bewohnt wurde.
Im Sommer 1945 erfuhren wir, dass in dem notdürftig instandgesetzten Gebäude ein Zimmer frei wäre. Im Spätherbst des gleichen Jahres zogen wir dort ein. Den erwähnten Schrank konnten wir übernehmen. Er hat uns gute Dienste geleistet.
Wir lebten in guter Nachbarschaft zusammen und halfen uns gegenseitig, soweit das möglich war. Es war andererseits nicht ganz einfach, einigermaßen erträgliche Wohnverhältnisse zu schaffen. So war das Dach sehr undicht. Es gab kaum eine Stelle im Zimmer, an der die Betten trocken stehen konnten. Auch dieses Problem wurde irgendwie gelöst. Im Winter wurde es bitterkalt. Der kleine Kanonenofen erzeugte nur mäßig Wärme, die dann auch noch durch die undichten Fenster und Türen entwich. Die Wände bestanden zwar aus einer doppelwandigen Bretterkonstruktion, dennoch gab es viele undichte Stellen. Es ist ein Wunder, dass nicht viele Bewohner erkrankten. Frau Ruski verstarb leider in der Baracke. Ob ihre Krankheit auf die geschilderten Verhältnisse zurückzuführen ist, weiß ich nicht. Für uns alle, vor allem für die Kinder, war das schrecklich.
Abgesehen von den schlimmen Erfahrungen und Umständen war es auch eine schöne Zeit. So konnten wir unsere Mutter und die kleine Schwester mit selbstgebastelten Geschenken erfreuen. Das alles passierte in dem einen engen Zimmer. Da wurde gesägt, genagelt und gemalt. Wo das Werkzeug herkam, weiß ich heute nicht mehr. Alles musste heimlich geschehen, wenn die Mutter nicht daheim war. Die Nachbarn regten sich selten auf, obwohl alles sehr hellhörig war.
Zu dieser Zeit wohnten, wenn ich mich recht erinnere, 10 Familien in diesem Haus.
Schwierig war auch die Wasser- und Toilettenfrage. Trinkwasser musste beim Bauern Sch. geholt werden. Ein Toiletten-Plumpsklohäuschen auf der anderen Straßenseite sorgte für die notwendige Entsorgungsmöglichkeit.
Die Kommune stand in Verhandlungen mit der Kreisverwaltung, die Flieger-baracke zu kaufen. Die Preisvorstellung des Kreises lag bei 4.535,96 RM. Nach einigen Verhandlungen beschloss der Gemeinderat 1949 jedoch, aufgrund der schlechten Finanzlage darauf zu verzichten.
Die leerstehende Baracke brannte 1958 durch jugendlichen Leichtsinn ab.
Die Fliegerbaracke, auch als Wehrmachtsbaracke bezeichnet, befand sich auf dem Gelände der heutigen Adresse Kreuzweg 10, damals auf dem Grund des Bauern Artur Böge. Das Militär hat die finanziellen Entschädigungen für die Flächennutzung bis zum letzten Kriegstag korrekt abgerechnet und bezahlt.
Heute gibt es keinerlei sichtbare Spuren mehr.


An den Herren Amtsvorsteher
Am 06.12.1945 schrieb Bürgermeister Hinrich Theege an Gustav Ströh in Kaltenkirchen:
Nach erfolgter Kapitulation der Wehrmacht in den Maitagen dieses Jahres war die große Frage, was kommt jetzt und was steht bevor?
Ohne besondere Zwischenfälle ist der Übergang vollzogen. Wenn mit dem Zuzug der vielen Flüchtlinge man sich schon abgefunden hatte, so wurde es jedoch als besonders hart empfunden, dass, nachdem die britischen Besatzungstruppen 3 Wohnhäuser beschlagnahmten, noch weitere 9 Häuser für die polnischen Offiziere geräumt werden mussten. Doch auch damit hat sich die Bevölkerung abgefunden, zumal das Einvernehmen mit den Besatzungs-truppen als erträglich anzusehen ist.
Die weitere Belegung mit noch zu erwartenden Flüchtlingen stößt jedoch auf große Schwierigkeiten und könnte katastrophal werden. Gewisse Nörgler und Besserwisser sind auch hier vorhanden, doch bin ich bisher damit fertiggeworden.
Eine größere Beunruhigung sieht man jedoch in den anonymen Zuschriften, die aus Kreisen der Bevölkerung an gewisse Stellen gerichtet werden und dadurch Männer nach ihrer Entlassung aus der Wehrmacht wieder verhaftet worden sind.
Arbeitslose sind in der Gemeinde nicht vorhanden, werden aber in nächster Zeit eintreten, wenn für die in Angriff zu nehmenden Arbeiten keine Gummi-stiefel bereitgestellt werden können.
Quelle:
Auschnitt (Rohtext)
„Zwangsmühle für Kaltenkirchen Die Kamper Mühle Die Fliegerbaracke und der Schweinestall“
von Uwe Looft und Hans Mißfeldt Lentföhrdener Ortschronik

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