Die Enklave Wierenkamp

DIE ENKLAVE WIERENKAMP

EINE INSEL SCHMALFELD IN LENTFÖHRDEN                 von Ute Dwinger, 1990

Wierenkamp war der Ansatz zu einer neuen Dorfgründung, kam aber infolge der ungünstigen Entwicklung nicht darüber hinaus. Im Jahre 1629 siedelte sich Hans Hartmann aus dem im 30jährigen Krieg zerstörten Schmalfeld im Grenzgebiet zwischen Schmalfeld und Lentföhrden an. Dieser Hof ist bis heute im Familienbesitz und trug bis 1925 den Namen Hartmann, bis der einzige Sohn Hinrich Hartmanns als Kind starb und seine Tochter Alma den Hof übernahm.
Sie war verheiratet mit Walter Langmaack. Heute führt deren Sohn Dieter Langmaack den Hof (Wierenkamper Weg 7). Die Hartmanns haben von Generation zu Generation die Wierenkamper Gegebenheiten weitererzählt, altes Ererbtes in Ehren aufgehoben. So auch alte Urkunden, die Rückschlüsse auf die vergangene Zeit geben.
Aus ihrem Besitz kommt ein Teilungsvergleich aus dem Jahre 1784. Der Viertelhufner Hinrich Hartmann war verstorben und hinterließ seine Witwe und sechs unmündige Kinder. Für die Kinder wurden gerichtlich Vormünder eingesetzt und der Hof taxiert.

Wierenkamp

Verwunderlich ist, dass im Nachlass schon über den zukünftigen Mann der Witwe die Rede ist. Aber zu der Zeit war es für eine Frau unmöglich, einen Hof alleine weiterzuführen. Sie musste, um den Hof für die Kinder zu erhalten, wieder heiraten. Der neue Mann wurde dann als Setzwirt (Statthalter für den Erben) eingesetzt, bis der jüngste Sohn (im Kirchspiel Kaltenkirchen gilt Jüngstenrecht) das Hoferbe antreten konnte. 1787 gedachte die Witwe dann wieder zu heiraten und über diesen Tatbestand wurde eine Urkunde erstellt:

1787:Kund und zuwissen sey hiemet demnach der Hüfner Hinrich Hartmann zu Wierenkamp verstorben und dessen nachgelassene Wittwe Magdalena hie wiederuin zur anderen Ehe zu schreiten gesonnen, so ist dessen hinterlassenen 1/4tel Hufe cum pertinentus (Gebrauch) von den gewöhnlichen beeidigten Satzungs-Männern den Abschiedsmann Hans Fölster und den 1/4tel Hüfner Claus Mohr aus Kaltenkirchen mit Zuziehung des Käthners Jasper Siems und Hartwig Böge zu Wierenkamp am 5. July 1785 nach Kirchspielgebrauch taxiert worden, als das Wohnhaus zu 400 RM die Abschiedskathe 100 RM 1 dito 15 RM ……….“

und eine beträchtliche Summe Geld, die an verschiedene Leute ausgeliehen war. Genau festgelegt war auch das Altenteil:
So das Wohnrecht in der Abschiedskathe
An Garten: 3 Bleeke im Großkohlgarten nebst kleinen Hoff an der Kathe,
An Feuerung und Streuung: muß Annehmer under jederzeitige Besitzer so viel Torf, Holtz und Busch wie auch Heide in und bey der Kathe belassen als Abtreter zum nötigen Gebrauch bedürftig sind.

… als auch den Abschiedsleuten Brodtkorn mithin und das Mehl von der Mühle zu nehmen, das Brodt in seinem Ofen mit zu backen und in Nothfalls den Prediger zu holen und wieder wegzufahren, und zwar dieses alles ohnentgeltlich.“

Aus dem Arbeitsgerät wird ersichtlich, dass es sich um Heidebauern handelte, denn hinter ihrem Hof im Busch erstreckte sich die weite Heide, der ideale Aufenthaltsort für Bienen und so war der Honig auch eine gute Einnahmequelle. Buchweizen und Hafer gediehen hier gut und die Wildtiere waren eine Abwechslung auf dem Tisch. Noch bis in die 20er Jahre konnte man nachts bei Mondschein den Birkhühnern bei der Balz zu sehen.
Wer nun denkt, Wierenkamp lag abgeschieden von der übrigen Welt, und die Bewohner kriegten vom Zeitgeschehen nichts mit, der irrt. Außer Handelsleuten, die Honig, Eier und andere auf dem Hof hergestellt Produkte kaufen wollten, kam um die Jahrhundertwende an den Pannkoken-Tagen die Stutenfrau aus Bramstedt und brachte alle Neuigkeiten hierher. Sie schnackte und vergaß Zeit und Stunde, Hauptsache,  sie bekam Pfannkuchen ab. Einmal war sie schon zur Tür hinaus, da drehte sie noch mal um und sagte: Du, Greten, wat ick di noch seggen wull, min Hans hett sick ophungen.

A5L Wierenkamp

Auch sie verteilte Backwaren: Stuten-Trina aus Bramstedt

Ab 1706 lebte ein Claus Cladde auf dem Wierenkamp. Sein Haus soll auf der Kies- und Schweinekoppel von Erich Dwinger gestanden haben. Er war ein ausgezeichneter Schütze. Als während des Nordischen Krieges (1700-1713) sich drei umherirrende schwedische Soldaten hoch zu Pferd dem Wierenkamp näherten, lauerte er diesen auf und schoss einen ab. Die beiden anderen flohen. Aus Rache kamen nachts mehrere Soldaten zurück und plünderten den Hartmann´schen Hof im Busch. Sie waren der Meinung, daß von diesem Hof aus geschossen wurde. Diese Geschichte ist eine Überlieferung und im Protokoll über Kriegsschäden aus dem Jahre 1711-1713 aus dem Kirchspiel Kaltenkirchen steht zu lesen:
Schaden des Viertel-Hufners Hans Hartmann, Wierenkamp 55 Reichsbankthaler, 36 Schillinge.

1750 verkaufte Claus Cladde den Hof an Johann Siems, dem Sohn des Lentföhrdener Bauernvogtes. Timm Böge aus Sievershütten heiratete die Tochter von Siems und wurden dann Besitzer. Sie hatten vier Söhne. Einer von ihnen baute den Hof am Wierenkamper Weg auf (Wierenkamper Weg 10). Ein Nachkomme von diesem Timm Böge baute sich ein herrliches Fachwerkhaus und ließ auf den Balken über der „Grootdeelendör“ einschnitzen:

Wierenkamper Weg 5 03Wierenkamper Weg 5

„Timm Böge – Anna Böge Aufgericht 14.Mai Anna 1850 – Wer Gott vertraut hat wohl gebaut, Im Himmel und auf Erden, Gottes Glück und Treu – alle moorgen neu. (Wierenkamper Weg 5)

Böge1952Doch seinem Sohn Hinrich, der den Hof 1881 übernahm, dem blieb das Glück nicht treu. Er verlor seine Milchkühe durch eine Grasseuche und seine Frau war häufig krank. Sie verkauften den Hof und zogen auf den Hof der Frau nach Hasenmoor. 1898 kauften Martin Dwinger und seine Frau aus Henstedt den Hof und vergrößerten ihn.
Um 1730 wollte ein Hartwig Boy (Böge) neu siedeln. Er war ein streitsüchtiger Mensch und die Lentföhrdener hatten ihn ausgewiesen und ihm Land an der Grenze zu Schmalfeld angeboten. Doch die Wierenkamper wollten ihn auch nicht haben. Als er mit dem Hausbau beginnen wollte, machten sie ihm Schwierigkeiten und bedrohten ihn, er hätte keine Erlaubnis zum Bauen. Er solle machen, dass er wieder wegkommt. Hartwig Boy schwang sich aufs Pferd, galoppierte los und kam nach etlichen Stunden mit einem schäumenden Pferd und einem Stück Papier zurück und zeigte es ihnen, und er behauptete, das wäre die Erlaubnis zum Hausbau. Da waren die Wierenkamper ziemlich baff, denn sie konnten ja nicht lesen. Sein Sohn Dierk Boy baute sich eine Altenteilerkate genau auf die Grenze zwischen Schmalfeld und Lentföhrden. Als nun die Vorbereitungen zur Aufteilung der Feldgemeinschaft begannen, forderten die Lentföhrdener ihn auf, die Kate abzubrechen, weil sie auf zur Hälfte auf gemeinschaftlicher Lentföhrdener Gemarkung stand und ihm bei der Landaufteilung nicht berücksichtigen wollten. Dierk Boy stellte daraufhin bei der Königlichen Rentenkammer in Kopenhagen den Antrag die Kate als  Freykate zu erklären und wollte auch 2 Reichsbanktahler bezahlen. Daraufhin wurde der Kirchspielvogt Horn gebeten, die Sache in Augenschein zu nehmen und wurde und wurde um eine Stellungnahme gebeten:
Durch das Hinterlegen des doppelten Katengeldes ist es nicht unwahr-scheinlich, daß der Kätner bei der Verdopplung auch doppelt so viel Land verlangen werde, zumal er bei der Abschiedskathe schon einige Ruthen Land an der Gemeinschaft mit bebaut, welche an seine übrigen Ländereien grenzen. Das wäre gegenüber der Gemeinschaft ungerecht.

Die Kinder verkauften dann die Kätnerstelle an Thies Hartmann aus dem Busch, der viel Geld mit der Imkerei gemacht hatte. Sein Sohn Heinrich war schon alt, als er heiratete und seine junge Witwe führte lange Jahre alleine den Hof. Mariken Hartmann war eine resolute Frau, hatte sie etwas zu erledigen, schwang sie sich aufs Pferd und ritt los. Der Sohn Hinrich war für die Schmalfelder als Schwatt Hinnerk ein Begriff. Brauchte einer Geld, um sich eine Kuh zu kaufen, ging er zu ihm. Hatten sie ihr Anliegen vorgetragen, fragte er: Weveel mußt denn hemm? Dann langte er aufs Schapp und holte eine Tüte, in der das Milchgeld war, runter.
Der Wohnplatz der Wierenkamper liegt in Lentföhrdener Gemarkung. Sie fühlten sich aber von je her mit Schmalfeld verbunden. Die Kinder gingen schon immer nach Schmalfeld zur Schule. Das geht aus der Abgabenliste an Roggen für den Schulmeister hervor. 1744 lieferten der Halbhufner Hans Hartmann und der Kätner Claus Cladde je 2 2/29 Spint Roggen ab.
Nach der Recapitulation der Aufstellung der Eigentümer über Ländereien des Dorfes Schmalfeld aus dem Jahre 1795 beträgt die Summe der Ländereien in Schmalfeld 2.437 Tonnen, hinzu kommen:
Ländereien so nach Lentföhrden gehörig (Wierenkamp)
Hartig Böy 4 Tonnen 5 S
Hans Hartmann 5 Tonnen 2 S
Summa Schmalfeld insgesamt 2488 Tonnen
Jasper Gülck (mit Vermerk: letzter ist gemeine Wohnung zu Lentföhrden geführt.) 3 Tonnen 6 S

In 14 amtlichen Schriftstücken, beginnend im Jahre 1851 bis 1879, geht es nun darum: Gehört die Enklave Wierenkamp zu Schmalfeld oder zu Lentföhrden? Nach Einführung der Landgemeindeordnung vom 22.09.1861 wurde festgesetzt, daß Wierenkamp zu Schmalfeld gehört und die Gemeindeabgaben nach Schmalfeld zu zahlen sind. 1869 werden die Gemeindegrenzen festgesetzt. Einer Streitsache zwischen den Gemeinden Lentföhrden und Schmalfeld findet oft Erwähnung. In einer Verfügung vom 10. März 187?, welche auf Grund der Landgemeindeordnung vom 22.09.1867 (Bildung der Gemeindebezirke) erlassen wurde, wurde erklärt, daß die Enklave Wierenkamp zu der Gemeinde Schmalfeld gehöre. Hiergegen erhob die Gemeinde Lentföhrden, indem sie auf die Landverteilungsakte von 1793 hinwies, Einspruch. Dieser aber wurde abgelehnt.
Am 26.Nov. 1899 richtet die Gemeinde Lentföhrden wieder eine Beschwerde an den Kreisausschuss des Kreises Segeberg in Sachen Umgemeindung der Enklave Wierenkamp zu Lentföhrden. Mit Beschluss des Bezirksausschusses Schleswig von 27.07.1900 wird die Klage abgewiesen.
Am 23. 08.1901 klagt die Gemeinde Lentföhrden noch mal darum, daß die Wierenkamper Häusergruppe zu Lentföhrden und nicht zu Schmalfeld gehört. Auch diese Klage wird am 16. Mai 1902 vom Kreisausschuss abgewiesen. Im Laufe der Zeit wurden noch weitere Häuser auf dem Wierenkamp gebaut, andere auf Lentföhrdener Seite.
1970 wurde die Autobahn A 7 quer durch Wierenkamp gebaut. Immer wieder ging es in Gemeindevertreterversammlung in Schmalfeld und Lentföhrden um Grenzbegradigungen und Umgemeindung.
Dieser Widersinn wurde 1996 endgültig bereinigt.

 

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