Mein Heimatort

Ungekürzt aus einem Schulheft in Sütherlin-Schrift datiert vom 17.12.1925                                                                  Verfasser (?)

Mein Heimatort

Heimat ! Welche Fülle von Jugenderinnerungen und Heimwehgedanken liegt in diesem einen Wort für den, der durch widrige Umstände gezwungen ist, ihr fern zu sein.

Die Heimat ist gewissermaßen der Boden, in dem der Mensch festgewachsen ist mit allen Fasern seines Herzens. Ist sie zudem so schön und mannigfaltig wie unser Schleswig-Holstein, so muss er, um mit Arndt zu sprechen, selbst wenn Mühe und Arbeit dort mit ihm wohnt, das Land ewig lieb haben. Wenden wir uns einmal unserer engeren Heimat, unserem Dorfe, zu.

Innerhalb des Kreises Segeberg, einen Teil des Amtes Kaltenkirchen bildend, liegt mein Heimatdorf Lentföhrden. Seine Einwohnerzahl beträgt rund 650. Der Ort wird von der Altona-Kieler Chaussee durchkreuzt. Als Hauptverkehrsstraße zwischen zwei so großen Städten herrscht auf ihr ein reges Leben und Treiben, das mit der Zunahme des Automobilverkehrs oft beängstigende Formen annimmt. Am Südende des Ortes, zweigt von ihr die Chaussee nach Kaltenkirchen ab, die jedoch mehr lokale Bedeutung hat. Beinahe noch wichtiger für uns ist die Bahn. Aus den kleinsten Anfängen heraus – das erste Züglein, das auf der Strecke fuhr, war zum Spott mit Heideschrubbern bekränzt – hat sie sich zu einem schnellen und zuverlässigen Verkehrsmittel entwickelt.

Das Wort des Dichters, der die Geest im allgemeinen als das stille Land bezeichnet, passt auch speziell für unseren Ort, ist er doch ein wichtiges Geestdorf, dem Heide und Moor das eigentliche Gepräge gibt. Früher bestand das Dorf nur aus wenigen Häusern, deren Bewohner, an Sparsamkeit und Genügsamkeit gewöhnt, dem Boden das Wenige zum Lebensunterhalt in schwerem Kampfe gegen die Natur abrangen. Auf diese Zeit ist das Wort geprägt: “Se kunnen sik op’n Besenbult nähren.“ In dieser Zeit bildete sich der Charakter, die Eigenart der Bewohner, deren Hauptmerkmal das Wortkarge, das jeder Gewalt trotzende, allem Neuen misstrauisch Gegenüberstehende sind. Neben den Erträgen aus Ackerbau und Viehzucht lebten sie von dem Verkauf des Torfes, der nach den benachbarten Orten Bramstedt und Wrist, auch wohl nach dem weit entfernten Neumünster für wenig Geld gefahren wurde. Berühmte Persönlichkeiten dieser Zeit waren der Schulmeister von Beruf Weber, der den Kindern in recht dürftiger Weise die Lehren der Weisheit ins Herz grub. „Johann Schäfer“, der die Schafe sämtlicher Bewohner in die Heide trieb und das reinste Nomadenleben führte, ferner der Homöopath Jakob Rathjens, von dem die Kranken weit und breit sich die Arzneien schicken ließen. Bei einer Gemeindevertretersitzung schrieb damals der „Burvogt“ das Protokoll mit Kreide auf den Tisch und statt des Namens wurden drei Kreuze darunter gesetzt.

Um die Wende des 19. Jahrhunderts trat dann ein gewaltiger Umschwung ein. Durch geeignete Maßnahmen der Regierung wurde die Unternehmungslust gesteigert, die Bewirtschaftung des Bodens rentabler, Schul- und Gemeindeordnung gründlich geändert und durch diese Verordnungen das Wohl und Wehe der Gemeinde den Einwohnern mehr ans Herz gelegt. Die Anlage fruchtbarer Rieselwiesen auf ehemaligem Sumpfgelände, die gründliche Entwässerung der Moore und damit die Schaffung tadelloser Moorweiden, die Vervollkommnung der landwirtschaftlichen Maschinen und Geräte und die Verwendung des künstlichen Düngers steigerten die Ertragsfähigkeit des Bodens. Immer weitere Strecken oder Heide verwandelten sich in blühende Fluren, die alte wilde Vegetation wurde von den Kulturpflanzen verdrängt, und die Bewohner des Ortes kamen dadurch schnell zu Wohlstand. Hand in Hand mit dieser Entwicklung ging die Vergrößerung des Ortes. Neubauten schossen wie Pilze aus der Erde, und die Einwohnerzahl stieg in dieser Zeit auf das Vierfache. Als ein Wendepunkt ersten Ranges kann dann später das Jahr 1914 angesehen werden. Das elektrische Licht verdrängte Petroleum und Talglicht, die elektrische ersetzte bei vielen Arbeiten die menschliche Kraft. Ferner entstand in diesem Jahre die „staatliche Mooradministration“, deren Aufgabe es war, weitere Flächen Moor und Heide von riesiger Ausdehnung urbar zu machen, im Kriege mit Hilfe zahlloser Kriegsgefangener, nach dem Kriege durch Heranziehung von etwa 2000 Zuchthäuslern. Auch diese Arbeiten wurden nur ermöglicht durch die Verwendung modernster Maschinen und durch die Transportierung der zahlreichen von und zur Bahn kommenden Frachten mittels einer Feldbahn.

Heute besteht die Administration aus drei räumlich weit getrennten Großbetrieben, den einzelnen Lagern, unter gemeinsamer Leitung. Viele Kleinstsiedlungen, die zusammen ein ganzes Dorf bilden, sind von ihr abgetrennt. Wir sehen also, dass das Dorf und seine Umgebung sich von Grund auf verändert haben. Der Hauptberuf im Ort ist aber noch immer der des Landwirts. Alle anderen Berufe im Ort sind mehr oder weniger von der Landwirtschaft abhängig.

An öffentlichen Bauten haben wir im Ort die Schule, das Postgebäude und den Bahnhof. In zwei Gastwirtschaften haben die Bewohner Gelegenheit, ihren Durst zu löschen.

Als das Herz der Wirtschaft kann ein Gebäude im Zentrum des Ortes bezeichnet werden. In ihm befindet sich die Genossenschaftsmeierei, die Müllerei und die Spar- und Darlehnskasse. Man kann sich vorstellen, dass der gemeinsame Leiter dieses Betriebes ein häufig beanspruchter Mann ist. Die Landwirte des Ortes befassen sich mit Ackerbau und Viehzucht; in letzterer wird am meisten Wert auf Haltung des Milchviehs gelegt. Die Hauptfrüchte des Ackers sind bei uns Roggen, Hafer, Buchweizen, Kartoffeln und Rüben. Zur Grunddüngung oder zur Weide wird noch viel Seradella gesät. Die Höfe werden, da erspartes Kapital durch die Inflation entzogen wurde und dadurch ein Zukauf von Ländereien unmöglich gemacht ist, immer unter die Söhne geteilt und dadurch bedeutend kleiner. Durch die Kultivierung wurden natürlich manche landwirtschaftlichen Schönheiten vernichtet. Als eine solche kann aber immer noch die weite Heide zwischen Lentföhrden und Bokel gewertet werden. Zur Zeit der Blüte, im lachenden Sonnenschein, die weite Ebene und dann und wann von einem Hünengrab unterbrochen, erscheint sie uns als Bild des tiefsten Friedens, die fern dem Getriebe der Welt, dem Jäger infolge des reichen Wildbestandes, sogar der majestätische Hirsch hält sich hier noch auf, zu einem wahren Paradies wird.

Die großen Tannengehölze, die früher  ein Schmuck der Gegend waren, sind leider pietätloser Kultur und großen Bränden ein Opfer geworden. Ein kleines Tannengehölz, in dem sich einige imposante Gebäude befinden, möge noch erwähnt werden. Eins von diesen, das Jagdschloss, bietet mit seinen Hallen und Sälen, den Fußboden mit sauberem, weißen Sand bestreut, einen wundervollen Anblick, während das andere, die Waldburg, stolz und herausfordernd am Rande eines Abhanges gelegen, an längst vergangene Zeiten stolzer Ritterherrschaft gemahnt.

Eine Kuriosität unseres Ortes bildeten früher die Erdhütten, in denen die so genannten Monarchen ihre Unterkunft fanden. Zur Blütezeit der Steinbrüche, in denen letztere beschäftigt waren, betrug ihre Zahl etwa 40, während jetzt nur noch eine einzige Hütte ihr Andenken wahrt.

Eine Sehenswürdigkeit ganz anderer Art, ein Andenken an große Zeit Deutschen Heldentums, ist das Kriegerdenkmal. In dem größten Findling unserer Feldmark sind die Namen der Gefallenen eingehauen, ein Symbol der Dankbarkeit und des Gedenkens der Gemeinde an sie.

Wir erkennen also, dass auch unsere enge, auf den ersten Blick, fast öde erscheinende Heimat voller Schönheiten ist, wenn man nur ein Auge dafür hat.

Aus dieser Erkenntnis ihrer Schönheit heraus, aus dieser Bewunderung und Liebe unserer engen Heimat entwickelt sich dann die Liebe zur weiteren, zum Vaterland, die auch in schwerster Zeit nicht nachlässt und in der vierten Strophe des Deutschlandliedes so treffend ausgedrückt wird. Deutschland, Deutschland über alles und im Unglück nun erst recht, nur im Unglück kann sich zeigen, ob die Liebe stark und echt, Deutschland, Deutschland über alles, und im Unglück nun erst recht.

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