Mooradministrator in Lentföhrden 1915 – 1920

Leo Beckmann, Fuhlendorf
Mooradministrator in Lentföhrden  1915 – 1920

Aus den Lebenserinnerungen des Max Reischel              aus „Heimatkundliches Jahrbuch für Kreis Segeberg“ 1988
„50 Jahre Entwicklungsgeschichte Heidmoor“ hat Otto Hülsen im Jahrbuch 1969 aufgeschrieben. Nach der Aufräumung der großen Brandflächen und Abtransport des Grubenholzes zum Bahnhof Lentföhrden wurde die Moorkultivierung angepackt. Zum Leiter dieses Projekts berief die Domänenverwaltung des preußischen Landwirtschaftsministeriums in Berlin Max Reischel, der zuvor als Stellvertreter in der „Königlichen Mooradministration“ in Wiesmoor „Ostfriesland“ Erfahrung und Erfolg hatte sammeln können.

Wer war Max Reischel, wo kam er her?

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Administrator Max Reischel mit Tochter Anneliese

Aus schlesischen und sächsischen Weberfamilien hervorgegangen, wurde dem Friseurmeister Johannes Eduard Anton Reischel am 23. Februar 1887 in Meissen der zweite Sohn Max geboren. Während der ältere Bruder Hans Stadtarchitekt in Breslau  wurde, wandte sich Max der Landwirtschaft zu. Bei Bauer Oskar Dietrich in Groß Kagen bei Meissen wurde eine kostenlose Lehrstelle gefunden: 63 ha, 9 Pferde, 40 Rinder, 100 Schweine. Im Alter erinnerte er sich „Da mein Lehrherr kein Talent im Ausbilden hatte; und das Gut keine anerkannte Lehrstelle war, war ich zumeist auf den Vogt Pönitz, den Ackerkutscher und die Mägde angewiesen, um die praktischen Grundbegriffe zu lernen. Ich dürfte mit Ochsen Jauche fahren und dergleichen, in der klugen Voraussicht, daß Pferde für ein Stadtkind zu schnell waren.“ Da sein Bauer seinen Stammsitz in der Dorfwirtschaft „Blaue Schürze“ hatte, und kaum daß sich Reischel eingelebt hatte, eine mehrmonatige Gefängnisstrafe wegen Hasard- und Falschspiels antreten mußte. „war ich“, schreibt er, „Gutsverwalter, zumindest Vertrauensmann resp. Männchen.“ Nach 5 Monaten hier folgt 1 Jahr Landwirtschaftsschule in Meissen als Hospitant, dann 1 Jahr als Volontärverwalter auf dem Rittergut Zschirla bei Colditz, ohne wissen zu können, daß hier sein Leben enden würde; 104 ha, 14 Pferde, 40 Kühe, 200 Schafe.- Nach Stellungen in Berbisdorf, 298 ha, bei Dresden und Taucjia bei Leipzig Universitätsstudium mit einem städtischen Stipendium von 40 Mark monatlich. Danach Wieder mehrere Stellungen. Etwa 1912-15 stellvertretender Administrator in Wiesmoor. Anfang 1915 in Lentföhrden heiratete er am 21. Juni Käthe Schimmelrnann (1. 1. 1888-5. 9. 1959), eine Tochter des Bürgermeisters von Bad Salzelmen (KB Kaltenkirchen 1915 No. 18). Seine Töchter Anneliese (KB Kk-1916No. 43) und Hildegard (KB Kk 1917 No.68) wurden hier geboren.

Bericht des Max Reischel:         „Durch ein Telegramm des Ministers wurde ich nach der Provinz Schleswig-Holstein nach Lentföhrden berufen, wo die gleichen Kultivierungsarbeiten wie in Wiesmoor durchgeführt werden sollten. In Eile gab mir der Staatssekretär Dr. Ran in Berlin eine Karte der Provinz, in der sämtliche Flächen blau eingezeichnet waren. Es waren zahlreiche Grundstücke zwischen Hamburg bis zum Kaiser-Wilhelm-Kanal. Ambi-Berlin (Artur-Müller-Berlin) hatte den Auftrag, auf den Kultivierungsstätten je drei Häuser zu bauen, welche die Verwaltung, Gefangene und Werkstätten beherbergen sollten. Das 9. Armeecorps, mit General von Broizen an der Spitze, lieferte das gesamte Material für die 4 000 Gefangenen.

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Postkarte: Grüße aus dem Gefangenenlager in Lentföhrden von 1915

Leiter war der sehr rege Intendanturrat Dr. Racke. Mir lag es ob, für die Verpflegung zu sorgen. Ich entschloß mich für einen Vertrag mit dem Norddeutschen Lloyd. Es war dies der schwierigste, den ich je unterschrieben habe. Im Hotel ‚Vierjahrszeiten‘ unterschrieb ich den wichtigen Vertrag. Nach Unterzeichnung des Vertrages war ich Gast des Norddeutschen Lloyd im gleichen Hotel: Täglich kamen jetzt waggonweise Bettgestelle, Strohsäcke, Decken, Gleismaterial; Muldenkippen, Spaten, Eßgerät und Gulaschkanonen an, dazu die Verpflegungsmannschaften, Köche etc. Telefon war schnell gelegt und ich durfte kostenlos „SS“ Gespräche (militärisch, dienstlich) führen. Arbeit in Überfülle gab es, zumal ich mir erst das erforderliche Personal verpflichten mußte. Einige Engländer die den Russen strafweise zugeteilt wurden, waren mir behilflich. Auch der Gefangenen-Inspektor Hempel (später Direktor der Strafanstalt Saarbrücken) und einige Aufseher, besonders „Papa“ Schliefke sowie mein erster Techniker Fryberg, waren mir bei der ersten Einrichtung behilflich. Dagegen war der erste Rentmeister Reimann, ein falscher, hinterlistiger Mensch, den ich bald entließ. Seine persönlichen Beschwerden beim Regierungspräsidenten hatten seine sofortige Versetzung zu einer Strafkompanie zur Folge.

In diesem Trubel und bedingt durch die Einsamkeit wollte ich heiraten. Die Einkäufe und Vorbereitungen hierzu nahmen auch Zeit in Anspruch. Hinzu kam, daß für die Behörden ein solches Unternehmen etwas Neues war und zum Teil auf Widerstand stieß. Besonders die Überquerung der Hamburg-Kieler-Chaussee mit unserem Feldbahngleis brachte viele Schwierigkeiten mit sich. Der Bürgermeister von Lentföhrden, Wilhelm Böge, verbot es, auf Anweisung der Provinzial-Chausseeverwaltung. Da ca. 6 Waggons täglich zu entladen waren mußte ich handeln. Vor den Gleislegern stand die Gemeindeverwaltung und war bereit, das Gleislegen mit Gewalt zu verhindern. Ausgesuchte starke Gefangene verschafften sich Platz. Die Sache wurde kritisch. Ich konnte mich auch nicht mit den Behörden von Anfang an überwerfen. Zur Unterstützung rief ich den Wach-Bataillons-Kommandeur, Oberstleutnant von Trossel, hinzu, der auch nach Rücksprache mit dem General-Kommando mit Mannschaften erschien. „Wir weichen nur der Gewalt“ ,war der Standpunkt der Gegner. In wenigen Minuten war die Chaussee frei und eine Pionierabteilung von Harburg legte das Gleis in einer staunenswerten Schnelligkeit und half auch die Waggons entladen. Oberstleutnant von Trossel war ein Soldat von größter Energie, von dem noch später die Rede sein wird.

Lagerkommandeur von Lagert in Lentföhrden war Hauptmann Lafrenz, dessen Aufgabe anscheinend weniger auf militärischem Gebiet lag, als darin, unsere junge Ehe zu beaufsichtigen. Nach getaner Arbeit prüfte er noch unseren Likörbestand und verschwand bis zum nächsten Abend. Er war ein völlig harmloser Militarist. Anders Oberstleutnant von Trossel. Er war stolz auf seine Behauptung einem der ältesten Adelsgeschlechter anzugehören. Falls ich mit ihm Differenzen hatte, konnte ich ihn nur versöhnen, indem ich für ihn den Abschuß eines Hirsches erwirkte. Er lag dann tagelang in einer Suhle auf Anstand und die Wachmannschaften hatten dann einige Tage Ruhe vor dem Wüterich. Nach Beendigung des Kriegs habe ich dreimal versucht, ihn aus der Provinz heraus zubringen, bis es endlich gelang. Er war von eiserner Natur. Auf  Dienstfahrten auf der Hamburg-Kieler-Chaussee traktierte er anhaltend den Chauffeur mit militärischen Fragen. Wenn wir auf Kontrolle fuhren, begleitete ich ihn zumeist, um meinen Chauffeur und Benzin zu schonen. Am Lager angekommen sprang. Trossel mit beiden Beinen zugleich aus dem Kübelwagen vor den Posten. Mehr aus Schreck sagte er auf die Frage: „Was sind Sie?“, Antwort: ; ‚Gefreiter“. An diesem Tage bin ich nicht eher mit dem Oberstleutnant nach Hause gefahren, bis der arme „Posten vor Gewehr“ wieder in Freiheit war. In Zeiten schwerer Nahrungssorgen war er mir ein treuer Helfer. Wie oft bin ich mit ihm auf die Hamburg-Kieler-Chaussee gegangen, wo er Militär-Autos anhielt, die Mannschaften gaben bereitwillig Fremdenblatt voller Heringe, auch Trockenfisch wurde dankend angenommen oder Käse. Mit letzterem versorgte uns auch trotz Verbot im Laufe der Zeit der Bürgermeister Wilhelm Böge. Abends gab er uns heimlich einen Holsteiner Käse, von dem Umfang eines Fahrradreifens mit 12-15 Pfund. Die Molkerei im Ort half uns mit Milch für die neugeborenen Kinder. Der Bewirtschafter des Gutes Hartenholm bei Segeberg lieferte mir die ersten Ferkel zur Mast zur Verwertung der Abfälle von den Küchen vom Zuchthaus und den Kriegsgefangenen. Mein eigenes Schwein war im Freiheitsdrang weggelaufen, wurde aber von Gefangenen wiedergebracht. Die Finder bekamen vom Fleisch des Ausreißers je eine Wurst beim Schlachtfest.

Unser Anfang auf der Königl. Administration in Lentföhrden entbehrt nicht eines oder mehrerer Kuriosa. Auf je ein, Lager baute „Ambi“ (Arthur-Müller-Berlin) je drei Gebäude. Ein Beamtenverwaltungsgebäude mit Zimmer für Angestellte. Ein Haus für die Gefangenen mit Schlafsaal, ein Wirtschaftsgebäude mit Wäscherei, Vorratsräumen und Werkstätten für Tischler und Schmiede. Letzteres ließ ich mir als Wohnhaus einrichten. Es war nur 15 m vom

Zu jedem Lager 1 bis 3 gehörten je drei solcher Häuser. Das Haus steht noch heute. Es war das Wohnhaus von Max Reischel

Gefangenenlager entfernt. Als ich ankam, wurden gerade die Werkstätten eingerichtet, in der Schmiede der Schmiedeherd. Bürokratismus gab es schon oder noch damals. Mein Einspruch, dies zu unterlassen, wurde abgelehnt, und zwar mit der Begründung, es sei im Kostenanschlag vorgesehen. Noch feucht wurde später der Schmiedeherd wieder abgerissen, aber dem Kostenvoranschlag war Genüge getan. Eine offene Veranda, die als Trockenraum gedacht war, wurde als so genanntes „Gute Zimmer“ umgebaut. Hier spielte unsere älteste Tochter auf dem Teppich, als ein Mädchen zu meiner Frau gestürmt kam: ,,Eine Schlange auf dem Teppich“. Nicht weit von der spielenden einjährigen Anneliese wurde eine Kreuzotter erschlagen. Ein Engel hatte mein Kind behütet. Die Otter hatte durch die offene Tür Eingang gefunden.

Zu einem Wirtschaftsgebäude dieser Art gehört nicht unbedingt ein Klo. Dies hatte auch „Ambi“ erkannt, ebenso fehlte eine Waschküche für den Hausgebrauch. Als praktischer Landwirt und nicht vom Bürokratismus erfaßt, ließ ich ein kleines Häuschen enthaltend Waschküche, Klo und einen Schweinestall für ein Tier einrichten, ohne vorher die Genehmigung von dem Ministerium einzuholen. Dort und in der Oberrechnungskammer war große Aufregung, als die Rechnung von „Ambi“ einging.

Der Minister von Schorlemer-Lieser sandte mir folgendes Schreiben: „In gegebener Veranlassung etc.. .Meine Antwort lautete: ;‚Es ist dem Ministerium bekannt, daß wir jung verheiratet sind. Meine Frau und ich benutzten das gegenüberliegende Roggenfeld, um unsere Notdurft zu verrichten. Jetzt ist das Feld gemäht und jede Deckung zum 15 m entfernten Lager fehlt. Mein Kampf mit den Naturgewalten endete mit dem Bau des kleinen Nebengebäudes in Größe von 4 mal 5 m “. Diese etwas deutliche Sprache wurde vom Ministerium z. T. ernst, z. T. mit Ergötzen aufgenommen. Die Bezahlung wurde abgelehnt, Ruhe auf beiden Seiten. Acht Tage später kam der Oberbaurat Nolda zur Besichtigung des Neubaus. Aus den Akten ersah ich, daß meine Antwort im Ministerium von einer zur andern Stelle gewandert war. Vorsorglich hatte man. vermerkt: „Zurück ohne Kommentar“ Seit der Zeit wurde ich berüchtigt oder berühmt bei den Ministerialräten. Der wirkliche Geheime Rat Nolda kehrte nach Berlin zurück, nachdem er sich überzeugt hatte, daß der Roggen tatsächlich abgemäht war. Mir verblieb der Titel: „Unser eigenmächtiger Administrator“. Bei dem nächsten Besuch in der Hauptstadt wünschte mich der Minister zu sprechen. Die Rücksprache erfolgte in recht freundschaftlicher Atmosphäre.

Allmählich waren sämtliche Gefangene eingetroffen und es galt, Spezialkolonnen einzurichten. Kolonnenführer wurde ein Aufseher mit Karabiner und 15 bis 20 Mann. Es wurden gebildet: Gleisbaukolonnen, Bahnhofskolonnen, Dränagekolonnen, Essentransportkolonnen, Küchenkolonnen etc. Gefangenen-Inspektor Hempel war ein sehr gerechter und zugänglicher Beamter. Ihm stand der Oberaufseher „Papa Schliefke“ treu zur Hand. Als Kolonnenführer wurden die fähigsten Gefangenen ausgesucht. Z. B. Rechtsanwälte, Redakteure und Kaufleute, die zumeist wegen Betrug und Urkundenfälschung ihre Strafe verbüßten. Es fiel mit anfangs nicht leicht, mich in die etwas engere Wirtschaftsweise eines Großbetriebes einzurichten. Aber bald hatte ich einen gangbaren Weg gefunden, um mir die praktische Selbständigkeit zusichern. Die mir vom Ministerium zur Ausführung vorgelegten Meliorationsentwürfe konnten nur zum Teil ausgeführt werden und als das Ministerium die gemachten Fehler nach längerem Schriftwechsel einsah, hatte ich bei den Behörden (Meliorations-Bauamt Neumünster, Baurat Wedemeyer), Regierung Schleswig (Baurat Kramer) und Ministerium Berlin (Wirklicher Geheimer Oberbaurat Nolda) Ansehen und Entgegenkommen.

Die Arbeit mit den Gefangenen, welche vom Zentralgefängnis Rendsburg nach Bedarf angefordert wurden; war ohne Schwierigkeit. Ein jeder mußte 11 cbm Moorerde bewältigen, wer mehr leistete, bekam als Prämie Kartoffeln mit Hering oder Kautabak:

Der vom Ministerium genehmigte Entwurf mußte mit den örtlichen Verhältnissen in Einklang gebracht werden, besonders bei kleineren Mooren und Randgebieten mußten Stauanlagen für Trockenperioden eingebaut werden, z. B. im Hockenseemoor bei Lager 1, das ich zuerst kultivierte.

In Lentföhrden entwickelte ich mich auch als Jäger. Auf den Anhöhen, die mit Kiefernbusch bestanden waren, hatten sich mengenweise Kaninchen angesiedelt. Eine Schrotflinte hatte ich vom meinem Schwiegervater Schimmelmann, aber getroffen habe ich nie ein Stück Wild, selbst wenn das Kaninchen Männchen vor mir machte. So mußten wir uns mit einer Hirschkeule begnügen, die uns Oberstleutnant von Trossel schenkte, und die wir räuchern ließen.

Auf Lager 1 war ich mein eigener Inspektor infolge Wohnungsmangel, auf Lager II war Inspektor Schöne auf Lager III Wegner eingestellt. Schöne war Leutnant, verstand es aber mit den Gefangenen recht gut.

Hier waren infolge eines Moorbrandes, das in Lentföhrdener Grootmoor aufkam, rd. 7 000 Mg Wald vernichtet. Trotz Eingreifen der Harburger Pioniere dauerte der Brand eine Woche und unsere Wohnung war zeitweise von Rauch verhüllt und wir waren persönlich wie geräuchert. Da die Humusschicht nur gering war, mußte die Kultivierung dieser Flächen vorsichtig vorgenommen werden. Hierbei hat uns der so genannte ‚Waldteufel‘ den ich von Moers am Rhein kommen ließ, beim Stubbenroden große Dienste getan. . –

Die Roggen- und Kartoffelernten waren gut, und so schloß ich Vermehrungsverträge ab mit v. Lockow-Petkus und dem Kartoffelzüchter Böhme-Bülow und von Kamecke-Streckenthin. Da es sich um Neuland handelte, war das Elitesaatgut erstklassig gesund. Zur einwandfreien Gewinnung konnte ich eine Feldscheune, die heute noch ihren Dienst versieht, bauen. Böhm hat dann, 45 Jahre später, in Erkenntnis der besonders  günstigen Verhältnisse hier eine Kartoffelzucht-Station eingerichtet und wie mir mitgeteilt wurde, Elitesaatgut in plombierten Säcken waggonweise nach Spanien etc. geliefert. Die übrigen Kultivierungsstätten, die mir unterlagen, waren:
1. Offenseth-Hohenfelder Königsmoor

  1. Großes Moor bei Dätgen an der Strecke Neumünster-Kiel, Station Nortorf,
  2. Himmelmoor bei Quickborn
  3. Das Königsmoor am Kaiser-Wilhelm-Kanal.
    Auf allen Stellen hatte ich Inspektoren, die im allgemeinen gut wirtschafteten. Da der erste Weltkrieg tobte, mußte ich mir z.T. von der Heersverwaltung das Aufsichtspersonal beschaffen. Zuweilen kam es auch vor, daß, ein Gefangener beim Fluchtversuch erschossen wurde. Dieses Kapitel betraf aber nur zumeist geistig Minderbemittelte. Die Gefangenen nahmen einen solchen Fall nicht besonders tragisch. Mit einem Muldenkipper brachten sie ihren Kameraden an, in Reih und Glied einen Trauergesang anstimmend. Der Tote hatte zusammengeklappt in einem Muldenkipper von 3/4 cbm Platz.

Nicht besonders angenehm war ein Zusammentreffen mit entlassenen Gefangenen auf dem Bahnsteig in Rendsburg. Glücklich, wieder in Freiheit zu sein, kamen sie mir freudig entgegen, mit ihrem zerknitterten Anzug, der jahrelang als Bündel unter Nr. X in irgendeinem Fach gelegen hatte.

Meinen Geburtstag begingen die Gefangenen festlich, in der Hoffnung. eine Spende oder Vergünstigung zu erfahren. Früh 6 Uhr erschien die Musikkapelle und der Gesangverein, und ein Dankeswort meinerseits durfte nicht fehlen, zumal mir ein Glückwunsch gerahmt und gemalt von einem Künstler-Inhaftierten überreicht wurde. Nachmittags war dann frei. Von dem Standpunkt ausgehend, daß jeder Gefangene, soweit er willig ist, als Mensch zu behandeln ist, hatten meine Frau und ich mit Einverständnis des Oberstaatsanwaltes bei günstiger Witterung die Sträflinge innerhalb des Stacheldraht s ins Freie gelassen und mit ihnen einfache Vergnügungen veranstaltet, z.B. Sackhüpfen, Tauziehen und Wettlauf. Ich spendierte 1 Zentner Kartoffeln, der in der Anstalt gekocht wurde, kaufte Weißkraut und Gemüse, Salzheringe, Kautabak, stiftete ein Buch für die Bibliothek etc. Die Sieger bekamen die Preise. Da unter den Gefangenen selbstverständlich auch Zirkusangehörige waren, wurde das Programm allmählich immer reicher und so konnten wir die ersten Theater-Vorstellungen bald starten lassen. Wolldecken der Gefangenen dienten als Bühnenvorhang, zünftige Ansager im schwarzen Anzug und Zylinder waren natürlich auch da und die geladenen Gäste mußten Eintrittbezahlen, je nach Rang und Würde. Wir begannen mit Pastor, Bürgermeister, Amtsrichter a´ 50 ch Eintritt, der Oberstaatsanwalt zahlte eine Mark. Es war dadurch kein fröhliches Gefängnis, sondern abgestimmt auf die kommende Freizeit nach der Entlassung.

Von den Einnahmen kaufte ich Musikinstrumente, so daß ich eine vollständige Kapelle zusammenstellen konnte. Zuweilen fehlte der Dirigent, während ich Musik-Clowns in Fülle hatte. Die besten der Gesellschaft waren z. B. unser Gast „Vering“, der Leiter des Gutes Hartenholm bei Segeberg. Der Besitzer des Großgrundbesitzes war sein Onkel, der Erbauer von Kiautschou und des Kölner Hauptbahnhofes und dessen Verwandte Gebr. Passmann-Holzgroßhändler in Duisburg, Generaloberarzt Dr. Gähne, Bad Bramstedt, ein Patenonkel von Hilla und dessen Frau, deren Bruder Otto Köhler und Frau -Gut Tannhof- in Bad Bramstedt, der Maiglöckchenzüchter Meyer, Bad – Bramstedt, Pastor Paulsen, der China-Missionar, sämtliche Richter und Anwälte bis zum Generalstaatsanwalt aus Kiel – alle waren unsere Gäste.

Am 31. 5. und 1. 6. 1916 mußte ich anläßlich der Skagerrak-Schlacht die Kriegsflagge hissen.
Es ist das tragische Schicksal meines Lebens, daß die Früchte meiner Arbeit stets durch die Weltkriege vernichtet wurden. Der Waffenstillstand 1918 brachte das Ende der Kultivierungsarbeiten, da keine Mittel mehr verfügbar waren und die Revolution in Kiel ausgebrochen war. Am Tage des Ausbruchs wollte ich mit meinem Fuchshengst die Hamburg-Kieler-Chaussee überqueren, als ein Bauer mir zurief, ich solle schnell nach  Hause reiten, die Gefahr sei zu groß:

Telefonische Verbindung mit Kiel zu bekommen, war nicht möglich. Es dauerte nicht lange, da kamen Lastautos, um Strafgefangene (Feigheit vor dem Feind und Fluchtverdacht) freizulassen. Unter diesen Verhältnissen war an ein erfolgreiches Wirtschaften nicht zu denken. So wollte ich nicht länger Administrator eines leblosen Betriebes sein und reichte meine Kündigung ein.

Inzwischen waren auch neue Regierungsräte erschienen. um nach „Schuldigen“ zu suchen. Bei mir erschien ein Dr. Werner mit dem „Volksfreund“ unterm Arm, um Feststellungen zu treffen. Ein Techniker von Freyberg wurde verhört und vorübergehend verhaftet.

Dr. Werner erschien nicht wieder, sondern wurde versetzt. Derartige Zwischenfälle sind beim Umsturz unvermeidlich, wiederholten sieh fast täglich, brachten viel Unruhe, besonders unter den Strafgefangenen, denen der Umsturz ebenso plötzlich kam wie uns, doch sie waren zu Anklagen gegen die Administration und die Aufseher nicht zu bewegen.

Dieser labile Zustand dauerte ein Jahr, bis endlich die Kultivierungsarbeiten eingestellt wurden. Inder Zwischenzeit hatten die Harburger Pioniere, die unser Lager vom Waldbrand her kannten, 6-Hengste auf mitgebrachten Autos abtransportiert. Durch das benachbarte Lager Springhirsch erhielten wir die Hengste zurück. 6 Waggons Grünkohl, die wir nach Hamburg 1ieferten wurden nicht ausgeladen und verdarben durch Erhitzen. Das verdorbene Gemüse mußten wir noch ausladen und auf den Bahndamm werfen.     Ich mußte die Substanz der Administration erhalten und das Leben unserer Leute schützen. Besonders gefährdet war Inspektor Schöne von Lager II als Leutnant, während Inspektor Dyck im Himmelmoor bei Quickborn sich aus allen schwierigen Lagen heraushielt. Inspektor Wegner von Lager III war Bauernsohn und setzte ich ebenfalls leicht durch.

Landesökonomierat Zancre bot mir eine Stellung im Landeskulturamt an, die ich ablehnte, da ich nicht Staatsbeamter werden wollte:

Staatsbeamter wollte Max Reischel nicht werden, was wurde aus ihm?
Zunächst übernahm er es 1920 für den größten Eichenholzhändler, Georg Müller, – Leipzig, die Herrschaft Kunzendorf in der Grafschaft Glatz zu schätzen. Für den von ihm angesetzten Preis von 2,75 Millionen Mark kaufte Müller die Herrschaft von 7 000 – Morgen und übergab sie Reischel zur Bewirtschaftung. Aufgrund seiner Leistungen – versuchte Müller etwa 1923 Reischel zum Chef der ‚Hafen- und Holzwerke Riesa‘ zu machen. Doch Reischel lehnte ab, er wollte Landwirt bleiben. Seine Lebensstellung fand Max Reischel bei Friedrich Graf von Schweinitz. Die Familie war von Friedrich Ii. von Preußen in den schlesischen Kriegen geadelt worden. Diesem Grafen war von seinem Onkel die Standesherrschaft Sulau, Kreis Militsch durch Erbe zugefallen. Den recht vernachlässigten Besitz übernahm Reischel und wirtschaftete, ganz auf sich selbst gestellt, ohne Fremdmittel, bis Felder-, Teich- und Waldwirtschaft beachtliche Erträge abwarfen. 1945 mußte er sein Lebenswerk zurücklassen und fand eine Zuflucht in Zschirla bei Colditz wo er am 11.1.1967 fast- 80 jährig starb.

Eine Würdigung der Persönlichkeit Max Reischels darf nicht bei der äußeren Gestalt von 163 cm Wuchs mit bläuen Augen und rötlichem Haar mit Kurzsichtigkeit von Jugend an stehen bleiben; Dieser Prototyp eines körperlich und geistig behänden Sachsen war zielstrebig, weitblickend. Von keinem seiner zahlreichen Patrone ließ er sich dauerhaft festbinden. Mit Menschen wußte er so umzugehen, daß er selbst in schwierigen Lagen allseits befriedigende Lösungen fand. Seinem erwählten Beruf als Landwirt blieb er treu. Wie er sich in Plan und Wirklichkeit sah, mag eine sozialkritische Bemerkung aus seinen Lebenserinnerungen belegen:

„Der Beruf eines Bauern stand damals bei der Intelligenz nicht in besonderem Ruf. Die begabten Söhne der Rittergutsbesitzer studierten und nahmen später hohe. Staatsstellungen ein. Der schönste Sohn wurde Offizier und der dümmste übernahm später das Rittergut. Unter diesen zeitbedingten sozialen Verhältnissen, als mittelloses Handwerkerkind, Landwirtschaft studieren zu wollen, war ein Wagnis, zumal schon damals feststand, daß ich ein eigenes Gut niemals kaufen und bewirtschaften könnte. Hierzu kam noch, daß der Adel und Offiziersstand für meine Laufbahn eine starke Konkurrenz waren. Dies trat besonders später bei der Übernahme großer Stellungen in Erscheinung. Um ein Bild davon zu geben, hatte später unser Nachbar, Fürst Hatzfeldt, Herzog von – Trachenberg, den Baron von Grotthus als seinen Vertrauten. Graf von Maltzahn in Militsch, Major von Heemskert und Reichsgraf Hlochberg in Neuschloß und Wirschkowitz einen Herrn von Davier. Mein späterer Chef, Graf von Schweinitz, als Berater seinen Vetter Major von Schweinitz bei sich. Es galt also für mich, durch Intelligenz und Fleiß diese abstammungsmäßig bevorzugten Menschen in den Schatten zu stellen und Oberwasser zu gewinnen Das gelang mir auch da Adel und Begabung nicht stets beisammen sind.“

Hilda Kühl, Bad Segeberg

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